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Biografien

Die Biografien erinnern an Menschen, die im KZ-Außenlager Gunskirchen interniert waren. Im Mittelpunkt stehen die Opfer und Überlebenden, ihre Erfahrungen, Erinnerungen und Lebensgeschichten.

Zu ausgewählten Biografien können persönliche Berichte angehört werden, die von bekannten Persönlichkeiten eingesprochen wurden und den Erinnerungen der Zeitzeug*innen eine Stimme geben.

Dieser Bereich wird laufend erweitert. Künftig werden weitere Biografien von Opfern, Überlebenden, Befreier*innen, Täter*innen sowie anderen Personen ergänzt, deren Lebensgeschichten und Berichte zum Verständnis der Geschichte des KZ-Außenlagers Gunskirchen beitragen.

  1. Wolfgang Sinai Adler Wolfgang Sinai Adler
    Wolfgang Sinai Adler

    Wolfgang Sinai Adler wurde am 11. Juli 1928 in eine jüdisch-orthodoxe Rabbinerfamilie in Prag geboren. Sein Vater, Dr. Šimon Adler, stammte aus Dobrá Voda im Böhmerwald. Er war ein jüdischer Gelehrter, Rabbiner, Historiker und Leiter des Archivs der Prager Jüdischen Gemeinde. Seine Mutter Reisel war die Tochter von Rabbi Sinai Schiffer, einem jüdischen Gelehrten aus Karlsruhe. Wolfgang war der jüngste von drei Brüdern und besuchte sowohl jüdische als auch tschechische Schulen. In seinem Elternhaus wurde zumeist Deutsch gesprochen. Wolfgangs zweitältester Bruder starb 1937.

    Mit der Besetzung der Tschechoslowakei durch die Nationalsozialisten im März 1939 änderte sich sein Leben grundlegend. Jüdinnen und Juden mussten nun den gelben Stern tragen. Jüdischen Kindern wurde der Schulbesuch nicht mehr erlaubt, und überall hingen Schilder mit der Aufschrift „Für Juden verboten“. Die Familie Adler wollte auswandern, letztendlich gelang die Ausreise in das damalige Palästina jedoch nur Wolfgangs ältestem Bruder, dem jugendlichen Matisyahu.

    Am 6. März 1943 wurde der 14-jährige Wolfgang gemeinsam mit seinen Eltern in das Ghetto Theresienstadt umgesiedelt. Wolfgang arbeitete dort in einer Bäckerei und konnte so Brot für seine kranken Eltern besorgen. Am 18. Mai 1944 wurde die Familie Adler mit 2.000 Ghetto-Bewohner*innen in einem Viehwaggon in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Bei seiner Ankunft erhielt Wolfgang die Nummer A1450 auf den linken Unterarm tätowiert.

    Die Adlers wurden ins „tschechische Familienlager“ eingewiesen, das der NS-Propaganda dazu diente, der Welt vorzugaukeln, die Jüdinnen und Juden würden gut behandelt. Im Juli 1944 wurde es jedoch aufgelöst und Wolfgangs Eltern wurden ermordet. Mit 89 weiteren tschechischen Buben wurde Wolfgang von Mengele selektiert und musste in den SS-Baracken Reinigungsarbeiten durchführen und als Laufbursche für die SS arbeiten. Später wurde er in das Außenlager Pławy, ein SS-Versorgungslager, verlegt und mit der Pferdepflege beauftragt.

    Mit dem Vorrücken der Roten Armee und dem Beginn der Todesmärsche in Auschwitz-Birkenau wurde auch das SS-Versorgungslager evakuiert und alles auf Pferdewagen verladen. Wolfgang musste laufen, während die SS auf dem Kutschbock saß. Tote, erfrorene oder erschossene Körper lagen am Straßenrand. Tagelang gab es nichts zu essen. Schließlich sperrte die SS die Gefangenen in Viehwaggons, die nach einer dreiwöchigen Irrfahrt am 23. Februar 1945 das Konzentrationslager Mauthausen erreichten.

    Bei der Aufnahme ins Lager entdeckte Alois Holub, ein tschechischer Gefangener, den völlig dehydrierten Wolfgang. Der 27-jährige Holub war schon seit 1941 wegen seiner kommunistischen Tätigkeiten im KZ. Als Kunsttischler genoss er aber Begünstigungen im Lager und fertigte Einlegearbeiten im Auftrag der SS. Heimlich versorgte er den jüdischen Burschen regelmäßig mit extra Suppe und Brot. Damit rettete er Wolfgang das Leben, der wiederum das Essen mit anderen tschechischen Buben teilte. Als Wolfgang Anfang April 1945 ins Zeltlager verlegt wurde, übergab ihm Holub heimlich einen Pullover, darin eingewickelt Papier und Bleistift, mit den Worten: „Schreib mir, wenn du was brauchst!“

    Als Wolfgang im Zeltlager an schwerem Durchfall und hohem Fieber erkrankte, gelang es ihm tatsächlich, fünf heimliche Nachrichten aus dem Zeltlager zu schmuggeln. Er bat Holub um einen Löffel, Brot, Suppe, Salz und sogar Kohletabletten, ohne die er das Zeltlager in Mauthausen nicht überlebt hätte – ebenso wenig wie den folgenden Todesmarsch in das Außenlager Gunskirchen und die katastrophalen Bedingungen dort, die er später als die schlimmste Zeit seines Lebens bezeichnete.

    Nach der Befreiung am 5. Mai 1945 verließ Wolfgang gemeinsam mit Jehuda Bacon das Lager. Sie wurden auf der Straße nach Lambach vom US-Soldaten Stanley Leeper aufgelesen und in das Krankenhaus Steyr gebracht. Nach ihrer Genesung kehrten sie nach Prag zurück und wurden von der Hilfsaktion des Pädagogen Přemysl Pitter auf Schloss Štiřín betreut. Holub, der ebenfalls in seine Heimat zurückgekehrt war, bot Wolfgang am Telefon an, für ihn wie für einen eigenen Sohn zu sorgen. Wolfgang aber wollte zu seinem Bruder nach Palästina. Infolge der Machtübernahme der Kommunisten in der Tschechoslowakei brach der Kontakt ab.

    In seiner neuen Heimat Israel nannte sich Wolfgang fortan nur mehr Sinai Adler. Er studierte an renommierten Jeschiwot [jüdische Hochschulen für das Studium der Tora] und wurde ein hoch angesehener Gelehrter und Rabbiner. 20 Jahre lang diente er als Oberrabbiner der Stadt Aschdod. Nie aber vergaß er, was Alois Holub für ihn getan hatte. Als der Eiserne Vorhang fiel, nahm er mit Holub Kontakt auf. Über all die Jahre hatte dieser Wolfgangs Nachrichten aus dem Zeltlager aufbewahrt und gab sie ihm nun zurück. Auf Sinai Adlers und Jehuda Bacons Initiative wurde Alois Holub 1994 von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt.

    Die letzten Jahrzehnte seines Lebens verbrachte der Rabbiner Sinai Adler in Mevasseret Zion bei Jerusalem und starb an seinem 92. Geburtstag am 11. Juli 2020 im Kreise seiner Familie.

    Quelle

    • Adler, Sinai: Your Rod and Your Staff. A Young Man's Chronicle of Survival. Jerusalem 1996; AMM OH/ZP1/703, Interview von Kobi Kabalek mit Sinai (Wolfgang) Adler, Mevasseret Zion 2002.
  2. Jehuda Bacon Jehuda Bacon
    Jehuda Bacon

    Jehuda Bacon kam am 28. Juli 1929 in Ostrava in der damaligen Tschechoslowakei als jüngstes Kind einer jüdisch assimilierten Familie zur Welt. Sein Vater, Israel Bacon, war Lederfabrikant. Als die Deutschen 1939 Böhmen und Mähren besetzten, wurden die Rechte der jüdischen Bevölkerung systematisch eingeschränkt. Infolgedessen war es Jehuda nicht mehr möglich, die Schule zu besuchen oder an sonstigen Veranstaltungen teilzunehmen.

    Im Jahr 1942 gelang Rifka, der jüngeren von Jehudas Schwestern, die Flucht in das damalige Palästina. Die übrigen Familienmitglieder wurden im September desselben Jahres in das Ghetto Theresienstadt umgesiedelt. Schon damals war Jehuda ein begabter Zeichner, weshalb er im Ghetto im Auftrag der SS Schilder malen musste. Im Dezember 1943 wurde er mit seiner Familie nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Jehuda kam in den „Kinderblock“ des tschechischen Familienlagers, der von Fredy Hirsch geleitet wurde. Als jüdischer Kapo nutzte Hirsch seine Verbindungen und das Vertrauen, das die Nationalsozialisten ihm entgegenbrachten, um in Auschwitz das fortzusetzen, was er schon in Theresienstadt begonnen hatte: die Erziehung und Betreuung Hunderter Kinder. Jehuda durfte im Kinderblock die Wände mit Märchenfiguren bemalen. Fredy Hirsch versuchte vor den Kindern zu verbergen, dass in diesem Vernichtungslager jeden Tag Jüdinnen und Juden in den Gaskammern ermordet wurden.

    Im Juli 1944 wurde das Familienlager aufgelöst. Jehudas Mutter und seine Schwester Hannah wurden in das Konzentrationslager Stutthof deportiert, wo sie nur wenige Tage vor der Befreiung an Flecktyphus starben. Der Vater wurde in einer Gaskammer in Birkenau ermordet, weil er bereits 52 Jahre alt war. Jehuda jedoch wurde von Josef Mengele zusammen mit 89 tschechischen Jungen im Alter von 13 bis 16 Jahren selektiert, um im Vernichtungslager Birkenau Zwangsarbeit zu leisten. Im sogenannten „Rollwagenkommando“ wurde er mit 20 anderen Jungen anstelle eines Pferdes vor einen Wagen gespannt. Ihre Aufgabe war es, Brennholz zu den Krematorien und die Asche der Ermordeten zur Endlagerstätte zu transportieren.

    Am 18. Jänner 1945 wurde er mit Tausenden jüdischen Gefangenen auf einen Todesmarsch aus dem evakuierten Lager Auschwitz-Birkenau getrieben. Dieser Fußmarsch bei eisigen Temperaturen führte Jehuda zunächst zum Außenlager Blechhammer. Dort wurden die Gefangenen, darunter viele Jugendliche, in offene Güterwaggons verladen und erreichten nach einer tagelangen Fahrt ohne Wasser und Nahrung am 30. Jänner 1945 das Konzentrationslager Mauthausen. Jehuda erhielt die Häftlingsnummer 123585. Nur der enge Zusammenhalt unter den tschechischen Buben sicherte ihm das Überleben.

    Anfang April wurde er in das Zeltlager eingewiesen, wo er furchtbare Verbrechen erlebte, bis er auf einem weiteren dreitägigen Todesmarsch in das Außenlager Gunskirchen getrieben wurde. Dort litt er an schrecklichem Hunger und unter einer Läuseplage.

    Als das Lager am 5. Mai 1945 von US-Truppen befreit wurde, verließ Jehuda mit seinem Freund Wolfgang Adler selbständig den „Wald der Toten“. Auf der Straße nach Lambach hielt ein Militärjeep neben ihnen an, und der US-Soldat Stanley Leeper brachte die schwer an Typhus und Fleckfieber erkrankten Buben ins Krankenhaus Steyr. Acht Wochen lang wurden sie dort von geistlichen Schwestern gepflegt.

    Nach ihrer Genesung kehrten die beiden in ihre Heimat in der Tschechoslowakei zurück – in der Hoffnung, überlebende Familienmitglieder zu finden. Jehuda kaufte sich unterwegs einen Skizzenblock und begann das Erlebte zu zeichnen. In Prag angekommen, erfuhren sie, dass sie die Shoah als einzige ihrer Familien überlebt hatten. Zuflucht fanden sie im Kinderheim Štiřín unter der Obhut des tschechischen Pädagogen und Humanisten Přemysl Pitter. Jehuda zeichnete seine traumatischen Erinnerungen an die Shoah und dabei wurde sein außergewöhnliches Talent entdeckt. Namhafte Künstlerpersönlichkeiten unterstützten 1946 seine Ausreise nach Palästina, sodass er an der renommierten Bezalel-Akademie in Jerusalem Kunst und Design studieren konnte.

    Nach Studien in London und Paris lehrte er ab 1959 selbst an der Bezalel-Akademie und wurde dort später zum Professor für Grafik und Zeichnen ernannt. Seine unmittelbaren Nachkriegszeichnungen besaßen einen so hohen dokumentarischen Wert, dass sie als Beweismittel im Eichmann-Prozess (1961 in Jerusalem) sowie bei den Frankfurter Auschwitz-Prozessen (1963–1965) herangezogen wurden, bei denen Jehuda auch persönlich als Zeuge aussagte.

    Quelle

    • Koller, Michael; Lenssen, Jürgen [Hrsg.]: Jehuda Bacon, Malerei und Grafik, Würzburg 2015; Schlackl, Angelika: „Würde ich hassen, hätte Hitler gesiegt.“ Die tiefe Menschlichkeit des jüdischen Künstlers Jehuda Bacon. Begleitbroschüre zum gleichnamigen Theaterprojekt und zur Ausstellung „Jehuda Bacon“, Linz 2019; Schlackl, Angelika u. Kurt: Video-Interview mit Jehuda Bacon, Jerusalem 2015.
  3. Pal Bacs Pal Bacs
    Pal Bacs (mittig hinter dem Kranz mit schwarz-weißer-roter Krawatte) bei der Befreiungsfeier in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen, 1985
    Pal Bacs (mittig hinter dem Kranz mit schwarz-weiß-roter Krawatte) bei der Befreiungsfeier in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen, 1985 · © Mauthausen Komitee Österreich

    Pal Bacs wurde am 11. September 1928 in Ungarn geboren und wuchs in einer großen Familie auf, zu der neben seinem Vater Jenő und seinem älteren Bruder Tamás auch sein Onkel Geza, seine Tante Gizi und seine Cousine Ági gehörten.

    Pal und sein Bruder besuchten das Werbőczy-Gymnasium, eine angesehene Eliteschule in Budapest. Ein wichtiger Bestandteil seiner Jugend war außerdem die jüdische Pfadfinderbewegung, durch die er früh Erfahrungen mit Gemeinschaft, Disziplin und körperlicher Betätigung sammelte.

    Am 19. März 1944 besetzten deutsche Truppen Ungarn. Zu diesem Zeitpunkt befand sich Pal gerade auf einem Ausflug in der Umgebung von Budapest. Mit der deutschen Besetzung verschärfte sich die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung zunehmend. Ab 5. April 1944 musste Pal den gelben Stern an seiner Kleidung tragen. Außerdem musste die Familie ihr einziges Radio abgeben, damit sie keine Nachrichten empfangen konnte.

    Bald durfte auch Pal nicht mehr zur Schule gehen und musste sich auf einer Baustelle in der Hunyadi-János-Straße melden. Im Sommer 1944 arbeitete der damals 15-Jährige in einem Militärwerk. Dort half er beim Bau bombensicherer Tunnel mit, die in den Schlosshügel von Budapest gegraben wurden.

    Am 20. Oktober 1944 erschien am frühen Morgen ein Polizist an der Wohnungstür der Familie und teilte den Bacs mit, dass sie nur eine Viertelstunde Zeit hätten, um ihre Sachen zu packen. Pal und sein Bruder Tamás mussten mitkommen. Tamás war zu diesem Zeitpunkt bereits krank. Obwohl Pal einen Ausweis über die Arbeit in einem Rüstungsbetrieb besaß, der ihm möglicherweise eine Befreiung von der Deportation ermöglicht hätte, zeigte er ihn bewusst nicht. Er wollte seinen kranken Bruder nicht alleine lassen.

    Die beiden Brüder wurden zunächst nach Ferihegy und anschließend nach Pestszentimre gebracht. Dort mussten sie unter sehr harten Bedingungen Zwangsarbeit leisten.

    Am 3. November 1944 gelang Pal und Tamás erstmals die Flucht. Sie fuhren nach Budapest und konnten zu ihrer Mutter zurückkehren. Bereits am 4. November wurden die beiden aber erneut festgenommen und mussten mehrere Tage lang zu Fuß in Richtung der österreichischen Grenze marschieren. Gemeinsam mit seinem Bruder gelang Pal abermals die Flucht. Sie hielten einen Lastwagen an, dessen Fahrer sie mitnahm. Bei einer Kontrolle konnten sie sich mit ihren Meldepapieren ausweisen und wurden nicht als Juden erkannt. Schließlich erreichten sie Budapest und fanden ihren Vater in einem jüdischen Arbeitskommando in der Bocskai-Straße. Der Vater sorgte dafür, dass auch seine beiden Söhne in dieses Arbeitskommando aufgenommen wurden.

    Diese Sicherheit hielt jedoch nicht lange an. Am 29. November 1944 wurden Pal, Tamás und ihr Vater erneut zum Abmarsch gezwungen. Am Józsefváros-Bahnhof wurden sie in Viehwaggons gepfercht und deportiert. Schließlich kamen sie nach Bucsu in Westungarn, wo sie abermals Zwangsarbeit verrichten mussten.

    Später wurden Pal, sein Bruder und sein Vater in das Konzentrationslager Mauthausen deportiert. Mitte April 1945 wurden die Gefangenen von Mauthausen nach Gunskirchen getrieben. Pal, sein Bruder Tamás, sein Vater und sein Onkel Geza versuchten gemeinsam durchzuhalten. Nach mehreren Tagen erreichten sie am 24. April 1945 Gunskirchen.

    Am 5. Mai 1945 wurde das Lager befreit. Die Befreiung bedeutete für Pal jedoch nicht das Ende des Leidens. Sein Bruder Tamás und sein Vater waren schwerkrank. Besonders tragisch war der Tod seines Vaters, den Pal als einziger Angehöriger auf dessen letztem Weg begleitete.

    Nach der Befreiung wurde Pal zunächst in einem Lazarett behandelt. Am 8. Juli 1945 erreichte er schließlich Budapest. Dort erfuhr er, dass seine Mutter überlebt hatte. Auch sein Onkel Geza, der im Konzentrationslager Mauthausen als Kapo tätig gewesen war, hatte überlebt.

    Nachdem Pal wegen einer Lungenentzündung für längere Zeit im Krankenhaus behandelt worden war, setzte er seine Ausbildung fort. Innerhalb eines Jahres absolvierte er die 7. und die 8. Klasse des Gymnasiums und legte 1946 die Matura ab. Danach studierte er Medizin und schloss sein Studium 1952 ab. Anschließend war er drei Jahre lang als Berufsoffizier und Arzt in der Ungarischen Volksarmee tätig. Ab 1955 arbeitete er in der Abteilung für Unfallchirurgie des Krankenhauses in der Péterfy-Sándor-Straße in Budapest.

    Neben seiner Tätigkeit als Arzt engagierte sich Pal Bacs auch intensiv in der Gedenkarbeit für die Opfer des Nationalsozialismus. Er wurde Mitglied des Internationalen Mauthausen Komitees und nahm mehrfach an den jährlich stattfindenden Gedenkfeiern teil. Im Rahmen von Studienreisen besuchte er Konzentrationslager und sammelte Informationen über die dort durchgeführten sogenannten „pseudomedizinischen Experimente“. Außerdem war er als medizinischer Sachverständiger für Entschädigungsangelegenheiten tätig.

    Pal Bacs war verheiratet und hatte eine Tochter und zwei Enkelkinder. Er starb am 18. September 1995 im Alter von 67 Jahren in Budapest.

    Quelle

  4. Yitzhak „Irving“ Balsam Yitzhak „Irving“ Balsam
    Yitzhak „Irving“ Balsam
    © United States Holocaust Memorial Museum

    Yitzhak „Irving“ Balsam wurde am 17. Oktober 1924 in Praszka (heutiges Polen) geboren. Sein Vater arbeitete als Schneider mit nur unregelmäßigen Einkünften, sodass die Familie Mühe hatte, über die Runden zu kommen. Yitzhak besuchte vormittags die öffentliche polnische und nachmittags die hebräische Schule.

    Am 1.September1939 musste Yitzhak miterleben, wie deutsche Soldaten in seine Heimatstadt einmarschierten. In den folgenden sieben Tagen zogen deutsche Konvois durch Praszka. Jeden Tag wurden Yitzhak und andere jüdische Männer gezwungen, außerhalb der Stadt Straßen zu bauen.

    Nur wenige Monate später wurde er in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Während der Todesmärsche wagte er in der Nähe von Gliwice einen Fluchtversuch, wurde aber wenig später entdeckt und mit 60 anderen Personen inhaftiert. Die meisten davon wurden hingerichtet. Die Übrigen wurden gezwungen, die Leichen zu einem Friedhof zu transportieren, wo zwei Massengräber ausgehoben worden waren. Sie begruben die Toten in einem und wurden anschließend selbst in das andere getrieben und mit Maschinengewehrfeuer beschossen. Als die Schüsse aufhörten, waren fünf von ihnen noch am Leben. Man befahl ihnen, das zweite Grab zuzuschütten, dann wurden die Waffen erneut auf sie gerichtet. Wie durch ein Wunder waren aber die Patronen aufgebraucht.

    Yitzhak wurde zur Zwangsarbeit ins Konzentrationslager Mauthausen und anschließend ins KZ-Außenlager Gunskirchen deportiert, um dort zu sterben. 1945 wurde er von amerikanischen Soldaten befreit. Während er sich in einem Spital erholte, lernte er seine Frau Helen kennen, die ebenfalls in Gunskirchen befreit worden war. Gemeinsam wanderten sie 1948 in die USA aus.

    Yitzhak Balsam starb 1992 in den USA.

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    Irving Balsam – Die Hölle im Wald

    Irving Balsam – Aufenthalt im Krankenhaus und das Kennenlernen seiner Frau Helen

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  5. Daniel Chanoch Daniel Chanoch
    Daniel Chanoch

    Daniel „Dany“ Chanoch wurde am 2. Februar 1932 als Kind von Frida und Shraga Chanoch im litauischen Kovno (dt. Kaunas) geboren. Mit dem Einmarsch der Nationalsozialisten Deutschlands im Juni 1941 endete seine Kindheit. Daniel Chanoch wurde mit seiner Familie aus ihrem Zuhause vertrieben und ins Ghetto Kaunas deportiert. Im Juli 1944 wurde das Ghetto aufgelöst und die Häftlinge wurden in Konzentrationslager abtransportiert. Vorbei am KZ Stutthof, wo die Mutter und seine kleine Schwester Miriam den Zug verlassen mussten und ermordet wurden, kam Daniel nach Landsberg-Kaufering, einem Außenlager des KZ Dachau. Dort wurde er vom Vater und seinem Bruder Uri getrennt.

    Die SS selektierte Dany mit 130 weiteren Kindern im Alter von 11 bis 15 Jahren und überstellte sie via Dachau in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Sie sollten eigentlich ermordet werden, mussten aber dann an der Rampe neu ankommenden ungarischen Juden ihre Koffer abnehmen. Mitgebrachtes Eigentum und Wertgegenstände mussten in das Effektenlager „Kanada“ abtransportiert werden. Die Buben unterstützten sich bei der schweren Arbeit gegenseitig durch ihren engen Zusammenhalt. Während ihrer Gefangenschaft im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau wurden zwei Drittel der 131 Kinder aus Kovno ermordet. Nach der Räumung des KZ Auschwitz musste Daniel mit 40 Kindern aus der Gruppe einen Todesmarsch nach Althammer antreten. Ihr Weitertransport im Zug mit 324 Gefangenen, darunter viele Jugendliche, brachte Daniel am 30. Jänner 1945 ins Konzentrationslager Mauthausen, wo er mit der Häftlingsnummer 124805 registriert wurde. Nach wochenlanger Kälte und Hunger sowie brutaler Gewalt der SS wurde er im April 1945 ins Zeltlager eingewiesen und auf einem nächsten Todesmarsch in das KZ-Außenlager Gunskirchen getrieben.

    Am 5. Mai 1945 wurde das KZ-Außenlager Gunskirchen befreit, das in Daniels Augen ein „Vernichtungslager“ gewesen war. Mit einem Freund verließ er den Wald. Gemeinsam irrten die Buben einige Tage in der Gegend umher, bis eine US-Militärstreife sie aufgriff und nach Hörsching-Neubau in das Militärhospital brachte. Dort erkrankte Daniel wie so viele an Typhus. Eines Tages kam die Jüdische Brigade nach Hörsching und warb Kinder und Jugendliche an, sich ihnen anzuschließen: Sie würden ihnen eine Ausreise nach Palästina ermöglichen. Nach der Fahrt in ein italienisches Trainingscamp erwartete Daniel eine große Überraschung: Auch sein Bruder Uri hatte überlebt. Nach bitteren Monaten der Trennung und des Verlustes ihrer Eltern und ihrer kleinen Schwester sahen sich die Brüder in Italien wieder.

    Im Jahr 2022 überreichte Daniel Chanoch im Rahmen der Befreiungsfeier in Gunskirchen ein symbolträchtiges Geschenk an das Mauthausen Komitee Österreich: die Baumscheibe eines alten Olivenbaums, der in Israel gewachsen war. Der Stamm eines Olivenbaums ist ein Symbol für Frieden und für ein „Niemals wieder“. Ein natürlich gewachsenes Loch in der Mitte des Stammes symbolisiert das riesige Loch, das nach der Shoah nicht nur in den Überlebenden, sondern auch in ihren Nachkommen zurückgeblieben ist.

    Daniel Chanoch bezeichnete Gunskirchen als „Hölle auf Erden“ und setzte sich beharrlich dafür ein, dass am Ort dieses KZ-Außenlagers eine würdige Gedenkstätte errichtet wird.

    Daniel Chanoch starb am 30. September 2024 in Tel Aviv.

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    Daniel Chanoch – KZ-Außenlager Gunskirchen – Die Hölle

    Daniel Chanoch – Nach der Befreiung des KZ-Außenlagers Gunskirchen

    Quelle

    • Chanoch, Daniel; Gordin, Arik; Lieblich, Amia; Chanoch, Rachel: Erzählen um zu leben. Das Leben ist eine Frage von Sekunden und Millimetern. Mauthausen Komitee Österreich/Österreichische Lagergemeinschaft Mauthausen (Hrsg.). Wien 2021.
  6. Edith Eva Eger Edith Eva Eger
    Edith Eva Eger

    Edith Eva Eger wurde am 29. September 1927 in Košice in der damaligen Tschechoslowakei, heute Slowakei, als jüngstes von drei Kindern in eine jüdische Familie geboren. Ihre Eltern, Lajos und Ilona Elefánt, waren Schneider und in einem ungarischen Ministerium angestellt. Edith Eger besuchte ein Gymnasium und nahm ab ihrem fünften Lebensjahr Ballettstunden. Bis sie 1942 aufgrund ihrer jüdischen Herkunft ausgeschlossen wurde, war sie Mitglied des ungarischen olympischen Gymnastikteams.

    Im März 1944 musste Edith Eger gemeinsam mit ihren Eltern und ihrer Schwester Magda in das Ghetto von Košice übersiedeln, wo sie mit 12.000 weiteren Jüdinnen und Juden in einer Fabrik untergebracht wurde. Noch im Mai desselben Jahres wurde die Familie ins Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Dort wurden ihre Eltern direkt in die Gaskammern geführt und ermordet. Edith selbst wurde mit ihrer Schwester Magda in eine Baracke gebracht, die am selben Abend vom Lagerarzt des KZ Auschwitz, Josef Mengele, aufgesucht wurde, der die Häftlinge dort aufforderte, für ihn zu tanzen. Als erfahrene Balletttänzerin tanzte Edith Eger somit in der Baracke des KZ Auschwitz für Josef Mengele. Dieser gab ihr als Belohnung einen ganzen Laib Brot.

    In ihrem Buch „Ich bin hier, und alles ist jetzt. Warum wir uns jederzeit für die Freiheit entscheiden können“ schreibt sie: „In dieser Nacht teile ich das Brot mit meiner Schwester Magda und den Mädchen, die mit uns im Bett schlafen. Fast ein Jahr später, als meine Schwester und ich bereits gezwungen sind, den Todesmarsch von Mauthausen nach Gunskirchen zu laufen, bin ich so erschöpft, dass ich stolpere und nicht mehr aufstehen kann. Jeder, der hinfällt, wird sofort erschossen. Doch plötzlich sind die Mädchen von jener Nacht wieder da, sie flechten ihre Hände ineinander, um einen menschlichen Stuhl zu bilden, auf dem sie mich tragen. ‚Du hast damals dein Brot mit uns geteilt‘, sagen sie. Auf eine gewisse Weise hatte ich das Mengele zu verdanken. Er tötete an jenem Tag in Auschwitz meine Mutter, aber er entschied auch, mich leben zu lassen.“

    Über verschiedene Konzentrationslager wurde Edith Eger schließlich mit ihrer Schwester ins KZ Mauthausen deportiert, von wo aus sie im Zuge eines Todesmarsches in das Außenlager Gunskirchen verlegt wurden. Dort wurde sie von den amerikanischen Befreiern beinahe in einem Haufen von Toten übersehen, konnte im letzten Moment aber mit einer Handbewegung auf sich aufmerksam machen und so gemeinsam mit ihrer Schwester gerettet werden.

    Nachdem sie sich in einem amerikanischen Lazarett erholt hatte, kehrte sie nach Košice zurück, wo sie ihre Schwester Klara wiedertraf. Diese war Violinistin und wurde während der Naziherrschaft von einem ihrer Professoren versteckt gehalten. Im Mai 1949 wanderte Edith Eger gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer damals zweijährigen Tochter über Wien in die USA aus. Dort studierte sie bei Viktor Frankl und schloss 1969 ihr Studium als Psychologin ab.

    Im Alter von über 60 Jahren kehrte Edith Eger 1990 erstmals nach Auschwitz zurück. Viele Jahre erzählte sie als Zeitzeugin von ihren Erlebnissen und hielt als Psychologin Vorträge.

    Edith Eger starb am 27. April 2026 in San Diego.

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    Edith Eger – Der Weg nach Gunskirchen

    Quelle

    • Eger, Edith: Ich bin hier und alles ist jetzt. Warum wir uns jederzeit für die Freiheit entscheiden können, 2017, S. 125.
  7. Joseph Fisher Joseph Fisher
    Joseph Fisher

    Joseph Fisher wurde am 27. Oktober 1928 in der Kleinstadt Vișeu de Sus (Oberwischau in Transsilvanien) im heutigen Rumänien geboren. Er wuchs in einer religiösen Familie auf, die aus den Eltern Samuel und Lea, seinen drei Schwestern Zwia, Frieda und Zippora und dem jüngsten Bruder Moshe David bestand. Sein Vater war Schuster und später auch Gastwirt. Bereits als Kind half Joseph in der Landwirtschaft seiner Großeltern aus. Die Familie gehörte der Mittelklasse an und legte großen Wert auf Bildung und den jüdischen Glauben.

    Anfang der 1940er-Jahre verschlechterte sich die Lage der jüdischen Bevölkerung zunehmend, als Ungarn Teile Rumäniens annektierte. Dennoch konnte Joseph ab 1943 in Budapest eine Tora-Schule besuchen. Der 19. März 1944 brachte durch die Machtübernahme des deutschen NS-Regimes in Ungarn abermals eine Verschlimmerung für Jüdinnen und Juden. Joseph kehrte in seine Heimat zurück und wurde wenig später mit der Familie in das Ghetto Oberwischau umgesiedelt. Am 20. Mai 1944 wurde er gemeinsam mit seinen Eltern und Geschwistern, eingepfercht in einem Viehwaggon, ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Fast seine gesamte Familie wurde im Holocaust ermordet.

    Der erst 15-jährige Joseph wurde nur acht Tage später mit einem Transport von 2.000 Jüdinnen und Juden aus Auschwitz in das Konzentrationslager Mauthausen deportiert. Mit der Häftlingsnummer 67756 registriert, überstellte man ihn am 28. Mai 1944 in das Konzentrationslager Gusen II, wo er unter unmenschlichen Bedingungen im Stollenbau „Bergkristall“ schwerste Zwangsarbeit verrichten musste. Trotz täglicher Gewalt und extremer physischer und psychischer Belastung überlebte er. Im Herbst 1944 wurde er für Reinigungsarbeiten in das berüchtigte Krankenrevier nach Gusen I verlegt. Beim „Totbaden“ schwer kranker Häftlinge wurde er Zeuge der systematischen Ermordung Tausender Menschen. Diese Erlebnisse traumatisierten Joseph für den Rest seines Lebens.

    Am 24. April 1945 wurde er mit 846 Jüdinnen und Juden von Gusen in das Zeltlager des KZ Mauthausen überstellt und wenige Tage später auf den Todesmarsch in das Außenlager Gunskirchen geschickt. In Gunskirchen angekommen, verließen ihn alle seine Kräfte, und kurz vor dem Hungertod wurde er am 5. Mai 1945 von amerikanischen Truppen befreit.

    US-Soldaten brachten ihn in ein Krankenhaus nach Wels. Nach einem sechswöchigen Aufenthalt in Wels kehrte er über Linz und mehrere weitere Stationen nach mehr als fünf Monaten in seine Heimatstadt zurück. Dort traf er auf seine Schwester, die als einzige aus seiner engeren Familie die Shoah überlebt hatte.

    Joseph wanderte nach Israel aus, wo er seine spätere Frau, Mali, kennenlernte. Über seine Erfahrungen im Holocaust hatte er sein ganzes Leben lang nur mit seiner Frau gesprochen.

    Joseph verstarb am 5. Jänner 1998. Sein ältester Sohn, David, fand auf dem Nachttisch des Vaters dessen Testament. Es beinhaltete alle seine Erinnerungen an die Shoah, die er in den letzten Monaten vor seinem Tod niedergeschrieben hatte.

    Daraus drehte Josephs Sohn David den Film „Six Million and One“, der 2012 beim Filmfestival Crossing Europe in Linz präsentiert wurde. 2017 wurden die Memoiren des Vaters schließlich auch in Buchform veröffentlicht.

    Quelle

    • Fisher, David: Six Million and One, Dokumentarfilm, Israel 2012; Fisher, Joseph: Die Himmel waren vermauert. The Heavens were Walled In. Wien 2017.
  8. Hugo Gryn Hugo Gryn
    Hugo Gryn

    Hugo Gryn wurde am 25. Juni 1930 in der damaligen Tschechoslowakei als Sohn von Bella und Geza Gryn, einem Holzhandelskaufmann, geboren.

    1938 wurde seine Heimatstadt Berehovo von ungarischen Truppen besetzt, die im darauffolgenden Jahr von deutschen ersetzt wurden. Anfang des Jahres 1944 erhielt Hugos Vater Geza Ausreisevisa für die ganze Familie. Weil sie aber keine sichere Ausreisemöglichkeit sahen, entschieden sie zu bleiben. Wenig später wurden alle jüdischen Bewohner*innen in das Ghetto der Stadt gezwungen, von wo aus sie sechs Wochen später, am 28. Mai 1944, in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz deportiert wurden – so auch Hugo, sein Bruder und seine Eltern. Hugos zehn Jahre alter Bruder wurde nach wenigen Tagen ermordet. Er selbst und sein Vater wurden in Auschwitz von seiner Mutter getrennt, die das KZ wie durch ein Wunder überlebte. Von Auschwitz wurde Hugo gemeinsam mit seinem Vater über das KZ Lieberose – ein Außenlager des KZ Sachsenhausen, wo sie aufgrund ihrer Erfahrung als Tischler Zwangsarbeit leisten mussten –, das KZ Sachsenhausen und das KZ Mauthausen in das KZ-Außenlager Gunskirchen deportiert, wo sie schließlich von den Amerikanern befreit wurden. Hugos Vater verstarb drei Tage später im Lazarett.

    Nachdem er befreit worden war, emigrierte Hugo Gryn nach Großbritannien und von dort später in die USA, wo er die Ausbildung zum Rabbi absolvierte und anschließend nach Großbritannien zurückkehrte.

    Hugo Gryn verstarb am 18. August 1996 in London.

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    Hugo Gryn – Der Weg nach Gunskirchen

    Hugo Gryn – Das Lager

    Hugo Gryn – Die Befreiung und der Tod seines Vaters

    Quelle

    • Gryn, Hugo: Chasing Shadows. Viking: 2000.
  9. Jehuda Gurvich Jehuda Gurvich
    Jehuda Gurvich
    © Mauthausen Komitee Österreich

    Jehuda Gurvich wurde 1930 in Litauen geboren. Er wuchs in einer religiösen jüdischen Familie in der Nähe von Kaunas auf. Als deutsche Truppen 1941 diesen sowjetisch besetzten Teil Litauens okkupierten, wurde er mit seiner Familie ins Ghetto Slobodka gebracht, benannt nach dem gleichnamigen Stadtteil in Kaunas. Dort verbrachte er mehr als drei Jahre mit seiner Familie.

    Nach der Internierung im Ghetto Kaunas wurde er 1944 von seinen Eltern getrennt und Teil einer Gruppe von rund 130 Kindern. Innerhalb der Gruppe entwickelte sich ein starker Zusammenhalt und ein hohes Maß an Solidarität.

    Über ein Außenlager des KZ Dachau wurden die Kinder in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Er überlebte Auschwitz, wurde gegen Kriegsende in das KZ Mauthausen und anschließend in das KZ-Außenlager Gunskirchen verschleppt, wo er im Mai 1945 von US-amerikanischen Truppen befreit wurde.

    Nach dem Krieg emigrierte Jehuda nach Palästina beziehungsweise Israel und baute sich dort ein neues Leben auf.

    Als Zeitzeuge berichtete er jahrzehntelang über seine Erfahrungen während der Shoah. Zeitlebens setzte er sich für ein „Niemals wieder“ ein und nahm an zahlreichen Gedenk- und Befreiungsfeiern, auch in Gunskirchen, Mauthausen und Wien, teil.

    Jehuda Gurvich starb am 24. Mai 2025.

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    Jehuda Gurvich – Der Weg nach Gunskirchen – Wachmänner

    Jehuda Gurvich – KZ-Außenlager Gunskirchen – Ein Ort des Sterbens

    Jehuda Gurvich – KZ-Außenlager Gunskirchen – Begraben der Toten

    Jehuda Gurvich – Rede beim Denkmal der U.S. Army im Zuge des „Walk of Solidarity“ im Rahmen der Befreiungsfeier

    Jehuda Gurvich – Die SS vor der Befreiung

    Jehuda Gurvich – Die Befreiung – Die Tage und Wochen danach

    Jehuda Gurvich – Rede bei den Überresten der Latrine im Zuge des „Walk of Solidarity“ im Rahmen der Befreiungsfeier am Ort des ehemaligen KZ-Außenlagers Gunskirchen

    Quelle

    • MKÖ: Interview mit Jehuda Gurvich. Mauthausen Komitee Österreich.
  10. Nicholas Halmay Nicholas Halmay
    Nicholas Halmay
    © 2023 Montefiore

    Nicholas Halmay (geb. Hersch) wurde am 15. Jänner 1922 in Košice (Kaschau) in der damaligen Tschechoslowakei geboren. Er wuchs in einer jüdischen Mittelklassefamilie mit drei Schwestern – zwei älteren und einer jüngeren – auf. Sein Vater war als Verkäufer tätig.

    Nicholas besuchte in Košice die Grundschule und danach ein Realgymnasium. Neben der regulären Schule absolvierte er jeden Nachmittag die Talmud-Tora-Schule, wo er im Chumasch und in der Gemara unterrichtet wurde. Nicholas war engagierter Zionist und besuchte am Wochenende regelmäßig Treffen des zionistischen Jugendclubs. Dessen Mitglieder trieben gemeinsam Sport, gingen Ski fahren, schwimmen sowie eislaufen und waren Teil des internationalen Maccabi-Sportclubs.

    Im Jahr 1941 zog Nicholas nach Budapest. Seine Heimatstadt Košice war zu diesem Zeitpunkt bereits an Ungarn gefallen. Nicholas wollte Medizin studieren, doch aufgrund des ungarischen Regimes und der Quotenregelung (Numerus clausus) durften jüdische Studierende nur einen Anteil von etwa 5 Prozent an den Universitäten ausmachen. Nicholas konnte sich daher nicht regulär immatrikulieren, sondern nur als anonymer Hörer teilnehmen, ohne das Recht, Prüfungen abzulegen.

    Diese 5-Prozent-Hürde galt auch für Unternehmen: Zahlreiche jüdische Angestellte verloren deshalb ihre Arbeit, so auch Nicholas’ Vater. Um die Familie über Wasser zu halten, ging der Vater zum Markt und brachte Walnüsse nach Hause, die die Kinder aufbrachen und der Vater anschließend wieder verkaufte.

    Im Jahr 1943 wurde Nicholas in ein ungarisches Zwangsarbeitslager einberufen, wo ein Infanterietraining durchgeführt wurde. Danach kam er für drei bis vier Tage in ein Übergangslager etwa 200 Kilometer östlich von Budapest. Von dort wurde er in Viehwaggons nach Siebenbürgen deportiert, wo er vom 10. Oktober 1943 bis Jänner 1944 Zwangsarbeit leistete. Die Gefangenen wurden in unterschiedliche Arbeitsgruppen eingeteilt. Nicholas kam zunächst in eine Kompanie, die für den Bau von Flugplätzen eingesetzt wurde.

    Am 15. Jänner 1944 wurden 40 Personen gesucht, die freiwillig eine andere Arbeit übernehmen wollten. Um der extremen Kälte zu entfliehen, meldete sich Nicholas und wurde gemeinsam mit 39 anderen Gefangenen per Zug nach Székesfehérvár (Stuhlweißenburg) gebracht, wo alle in einem Hangar untergebracht wurden und beschädigte Flugzeuge reparieren mussten. Nicholas’ großes Glück war, dass er perfekt Deutsch sprach. Dadurch erhielt er eine Stelle im Büro des Zahlmeisters. Von diesem und dem Bürgermeister erhielten einige Häftlinge Geld, mit dem sie sich trotz Lagerarrests Brot, Marmelade und zusätzliche Lebensmittel kaufen konnten.

    Am 19. März 1944 besetzten deutsche Truppen Ungarn. Die Bedingungen im Lager verschlechterten sich daraufhin zusehends.

    Als die ungarische Regierung am 15. Oktober 1944 versuchte, den Austritt Ungarns aus dem Krieg zu erklären, glaubte Nicholas kurzzeitig, der Krieg sei auch für ihn zu Ende. Er erstellte sich selbst gefälschte Papiere und fuhr mit dem Zug nach Budapest, um sich dort zu verstecken. Bei seiner Ankunft am Morgen musste er jedoch feststellen, dass die faschistischen Pfeilkreuzler die Macht übernommen hatten und die Lage noch gefährlicher geworden war. Seine Eltern befanden sich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in Budapest.

    Abends und in der Nacht irrte Nicholas durch die Straßen. Als eine Personenkontrolle drohte, beschloss er aus Angst, zu seiner Kompanie zurückzukehren. Am Bahnhof traf er überraschend seinen ungarischen Leutnant. Auf dessen Nachfrage, was Nicholas hier mache, gestand Letzterer ehrlich: „Ich wollte desertieren, gehe aber jetzt zurück.“ Seine einzige Strafe bestand darin, dass er nicht mehr im Büro arbeiten durfte. Bereits am nächsten Tag begann aber die Deportation Richtung Österreich. Der erste Stopp war Schattendorf. Die Strecke dorthin legten die Häftlinge teils zu Fuß, teils auf offenen Lkw-Ladeflächen zurück. In Schattendorf wurde die Kompanie in einer Schule untergebracht.

    Da die Schule über kein fließendes Wasser verfügte, musste Nicholas täglich zweimal zum Brunnen beim Nachbarsgebäude gehen, um Wasser zu holen. Bei einem dieser Gänge bemerkte er einen Teller mit Essen neben dem Brunnen. Während er noch zögerte, diesen anzurühren, hörte er am Fenster des Nachbarhauses ein Klopfen und sah eine Frau, die auf den Teller deutete. Von da an stellte die Frau, die sich als Frau Kissenwehrer vorstellte, regelmäßig Nahrung für ihn bereit.

    Vor dem Weitermarsch aus Schattendorf ging Nicholas noch einmal zum Brunnen, um sich zu verabschieden. Frau Kissenwehrer bat ihn eindringlich: „Bitte bleiben Sie bei uns!“ Nicholas hatte jedoch große Angst und wollte nicht in einem Versteck bleiben.

    Von Schattendorf ging es zu Fuß und in Viehwaggons in das Konzentrationslager Mauthausen. Nicholas blieb etwa drei bis vier Wochen im Zeltlager des KZ Mauthausen. Da er seine Kleidung unter den dort herrschenden hygienischen Zuständen nicht sauber halten konnte, war er der Erste, der von Läusen befallen wurde. Was ihm in Mauthausen schließlich das Leben rettete, war ein Vorrat an Zucker, den er aus Schattendorf mitgenommen hatte. Selbst die Einnahme kleinster Löffelmengen dieses Zuckers gab seinem geschwächten Körper in den kritischsten Momenten die nötige Energie, um zu überleben.

    Nach etwa drei bis vier Wochen in Mauthausen wurde Nicholas auf einem Todesmarsch zu Fuß in das KZ-Außenlager Gunskirchen getrieben, wo er mehrere Wochen unter den dort herrschenden katastrophalen Bedingungen verbringen musste.

    Mit dem Herannahen der amerikanischen Truppen beobachtete Nicholas im Chaos einer inszenierten Schießerei die Flucht der SS aus dem Lager. Kurze Zeit später traf auch schon eine US-amerikanische Kampfeinheit ein.

    Nicholas verließ das Lager gemeinsam mit einigen anderen Häftlingen auf eigene Faust. Das Ziel der Gruppe war Wels. Aufgrund ihrer extremen körperlichen Entkräftung kamen sie aber nur sehr langsam voran und erreichten Wels erst am Nachmittag. Als sie die Hauptstraße entlanggingen, wurden sie von der amerikanischen Militärpolizei (MP) angehalten und befragt. Nicholas und seine Kameraden erklärten, dass sie großen Hunger hätten. Ein MP-Soldat brach daraufhin kurzerhand mit seinem Bajonett die Tür einer geschlossenen Konditorei auf. Der Laden war zwar leer, im Regal standen jedoch einige Dosen Melasse, die er und die anderen Häftlinge verzehrten. Die amerikanischen Soldaten brachten Nicholas in das Militärkrankenhaus in Hörsching bei Linz, wo er schließlich medizinisch versorgt wurde.

    Nicholas Halmay wanderte nach dem Krieg nach Australien aus und verbrachte sein restliches Leben in der Nähe von Sydney. Er verstarb am 10. Jänner 2021.

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    Nicholas Halmay – Der Weg nach Gunskirchen

    Nicholas Halmay – Das Lager

    Nicholas Halmay – KZ-Außenlager Gunskirchen – Alltag

    Nicholas Halmay – KZ-Außenlager Gunskirchen – Kannibalismus

    Nicholas Halmay – Die Befreiung

    Nicholas Halmay – Die Tage nach der Befreiung

    Quelle

    • USHMM: RG-50.583.0019. Oral history interview with Nicholas Halmay. The Australian Jewish Historical Society. United States Holocaust Memorial Museum. Washington, DC [undated].
  11. Eliyahu Emil Herman Eliyahu Emil Herman
    Eliyahu Emil Herman

    Eliyahu Emil Herman wurde am 26. Februar 1920 in Budapest geboren. Sein Vater Joel und seine Mutter Rachel waren von Beruf Schneider und führten in Budapest ein Kinderbekleidungsgeschäft. Sie hatten zwei Töchter und zwei Söhne. Eliyahu war der Jüngste. Schon in seiner Kindheit hatte er Angst vor nichtjüdischen Kindern, weil sie auf dem Schulweg Juden verprügelten und anspuckten.

    In der Stadt Vác nahe Budapest studierte Eliyahu in der Jeschiwa, der jüdischen Hochschule, den Talmud. Als 1939 der Krieg ausbrach, kamen polnische Flüchtlinge und erzählten von schrecklichen Dingen, die sie in Ghettos und Lagern erlebt hatten. Diese Erzählungen waren so schlimm, dass es einfacher war, ihnen nicht zu glauben, wie Eliyahu meinte. Weil in Vác immer mehr Polizeikontrollen stattfanden, wurde die Jeschiwa 1943 nach Budapest verlegt.

    Am 19. März 1944 marschierten die Deutschen in Ungarn ein. An allen Straßenecken standen SS-Leute und ungarische Polizei und nahmen Juden fest. Das Mietshaus, in dem die Hermans wohnten, erhielt einen gelben Stern, was bedeutete, dass in nur einer Wohnung mehrere jüdische Familien einquartiert wurden. Eliyahu und sein Vater arbeiteten in einer Näherei für Militäruniformen – bis zum 15. Oktober 1944, dem Tag, an dem die nationalsozialistische Pfeilkreuzler-Regierung an die Macht kam und gemeinsam mit den Deutschen mit der Verfolgung der Juden aus Budapest begann. Mit brutaler Gewalt wurden Letztere zu Sammelplätzen getrieben, erschlagen, erschossen oder in der Donau ertränkt. Eliyahu sah all diese Gräueltaten und war nur froh, dass sein Vater gerade im Spital war.

    Nun passierte in Budapest das, wovon die polnischen Flüchtlinge gesprochen hatten.

    Auf Todesmärschen wurden an die 70.000 Juden unter unmenschlichen Bedingungen an die ungarisch-österreichische Grenze getrieben und in Arbeitslager eingewiesen. Eliyahu kam in das Lager Komárom. Dort konnte er einem nichtjüdischen Freund in Budapest schreiben, um zu erfragen, wie es seinen Eltern ging – sie waren in Sicherheit, denn sie hatten einen schwedischen Schutzpass. Auch seine beiden Schwestern und Eliyahu selbst waren auf der Liste. Eliyahu zeigte den Brief einem Offizier. Dieser sagte aber nur: „Damit kannst du dir den Arsch abwischen!“ – und zerriss das Schreiben in Stücke. Das Einzige, was Eliyahu blieb, waren seine Tefillin, seine Gebetsriemen, die er heimlich beim Beten anlegte. Die Tefillin begleiteten ihn durch den Holocaust. Bis zu seiner Befreiung in Gunskirchen versteckte er sie unter seiner Hose, indem er sie knapp über den Schuhen um seine Beine band.

    Das nächste Lager im eisig kalten Winter war Šopron, dann folgte Windisch-Minihof. Die Waldarbeit dort war hart, dennoch war es besser als zuvor: Eliyahu war in einer Schule untergebracht, erhielt Wasser, Brot, Margarine und Marmelade. Ende März 1945 erfolgte die Räumung des Lagers, alle Kranken wurden erschossen und 200 Gefangene in Marsch gesetzt. Ihr Fußmarsch von 300 Kilometern, auf dem immer mehr Gefangene dazukamen, führte über Graz bis Mauthausen. Am Präbichl-Pass erlebte Eliyahu ein furchtbares Massaker. Einen Tag lang musste er danach mithelfen, Hunderte Leichen einzusammeln. Von den insgesamt 20.000 Häftlingen fanden unterwegs viele den Tod – bis sie um Mitternacht des 15. April das Zeltlager in Mauthausen erreichten. Am Morgen noch saß Eliyahu im Freien, umgeben von Leichen. Die Lage wurde immer schlimmer: weitere unzählige Tote auf dem Weg nach Gunskirchen, dort Tote in überfüllten Baracken – bis sie schließlich am 5. Mai 1945 befreit wurden.

    Mit zwei Freunden verließ Eliyahu das Lager. Im Wald entdeckten sie einen umgestürzten Lkw, der mit neuen SS-Uniformen beladen war – der Lenker tot. Sie tauschten ihre verlauste Häftlingskleidung gegen die Uniformen. Als sie wenig später von US-Soldaten aufgegriffen wurden, erwiesen sich die Tefillin, die Eliyahu in der SS-Uniform hatte, und das jüdische Gebet „Sh'ma Israel“ als ihre Rettung, denn damit konnten sie beweisen, dass sie Juden waren. Am 30. Juni 1945 wurde Eliyahu aus dem Seuchenlazarett in Lambach entlassen und kehrte nach Budapest zurück, wo er seine Eltern und Schwestern wiedersah.

    Sein ganzes Leben lang, vom 13. Lebensjahr an, in Mauthausen und Gunskirchen, bis zu dem Tag, an dem er im Alter von 88 Jahren in Jerusalem verstarb, benutzte Eliyahu seine Tefillin bei den Morgengebeten. Der größte Segen seines Lebens waren seine Enkelkinder und Urenkel.

    Quelle

    • Yad Vashem Archives, Audiointerview mit Eliyahu Herman, Record Group 0.3, 9972, Kassettennummer: 4468/033C, Jerusalem 22.04.1996, Transkript: Gabi Herman, Zusammenfassung: Angelika Schlackl.
  12. Michael Kraus Michael Kraus
    Michael Kraus

    Michael Kraus, auch Miša genannt, wurde am 28. Juni 1930 in Trutnov in der damaligen Tschechoslowakei (heute Tschechien) geboren. Er war das einzige Kind des Arztes Karel Kraus und dessen Frau Lotte, geb. Goldschmidt. Seine Kindheit verbrachte Michael in Náchod, wo sein Vater eine Praxis führte. Er besuchte eine tschechische Volksschule und wuchs in einem tschechischsprachigen Elternhaus auf, lernte aber auch Deutsch von seinem Kindermädchen.

    Mit dem Einmarsch deutscher Truppen am 15. März 1939 begann für die Familie Kraus die Zeit der Verfolgung. Zahlreiche antisemitische Maßnahmen wurden eingeführt: Michael durfte nicht mehr zur Schule gehen, der Vater musste seine Ordination schließen, und das Vermögen der Familie wurde beschlagnahmt. 1940 wurden die Krauses gezwungen, ihr Haus mit anderen Familien zu teilen, ehe sie im September 1941 vollständig aus ihrer Villa vertrieben wurden. Fortan mussten sie unter beengten Verhältnissen in einem einzigen Zimmer ohne fließendes Wasser leben.

    Im Dezember 1942 wurde die Familie gemeinsam mit den anderen jüdischen Bewohner*innen der Stadt nach Hradec Králové (Königgrätz) gebracht, wo ihnen alle Wertgegenstände abgenommen wurden. Anschließend kamen sie in das Ghetto Theresienstadt. Von den Eltern getrennt, wurde Michael in einem Kinderheim untergebracht. Er verbrachte viel Zeit mit dem Schreiben und Illustrieren eines Tagebuchs. Dieses wurde ihm jedoch abgenommen, als die Familie ein Jahr später, am 15. Dezember 1943, in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert wurde.

    Im dortigen „tschechischen Familienlager“ waren sie in getrennten Blocks untergebracht und mussten Zwangsarbeit leisten. Die vorläufige „Schonung“ der Familien aus Theresienstadt endete jedoch im Juli 1944. Michaels Vater wurde am 11. Juli 1944 in Birkenau ermordet; seine Mutter wurde zur Zwangsarbeit in das KZ Stutthof bei Danzig deportiert, wo sie am 8. Jänner 1945 starb. Michael selbst wurde von Josef Mengele gemeinsam mit 89 anderen tschechischen Jungen für Sonderdienste im Lager Birkenau selektiert. Als „Läufer“ musste er Schriftstücke und Nachrichten von einem Lagerbereich in den anderen bringen. Dabei sah er mit eigenen Augen, wie die Krematorien auf Hochtouren liefen.

    Im Zuge der Evakuierung von Auschwitz im Jänner 1945 musste Michael bei eisiger Kälte einen dreitägigen Todesmarsch antreten. Der Weitertransport im offenen Viehwaggon brachte ihn am 25. Jänner 1945 in das Konzentrationslager Mauthausen. Dort wurde er mit der Häftlingsnummer 117965 registriert und in der Folge in das Außenlager Melk überstellt. Die Arbeit in der Kartoffelküche sicherte ihm vorerst das Überleben. Nach der Räumung des Lagers Melk wurde er am 13. April 1945 mit Scharen von Kranken und Schwerstverletzten im Zug in das Stammlager Mauthausen rücküberstellt. Zunächst im Sonderlager III untergebracht, lagen Michael und seine Freunde eng gedrängt auf dem Boden. Bald breiteten sich Gerüchte aus, dass jüdische Häftlinge in das Zeltlager eingewiesen werden sollten. Wie alle rücküberstellten Jüdinnen und Juden erhielt auch Michael einen „Zl“-Eintrag [Zeltlager-Eintrag] im Häftlingsnummernbuch, womit seine Einweisung ins Zeltlager feststand. Zwei Wochen lang lag er in einem Zelt, durch das „Wasserbäche schossen“. Das Essen war auf ein Minimum reduziert, und überall lagen Sterbende, bis es am 28. April schließlich zu Fuß weiter nach Gunskirchen ging – in „schlechten Schuhen, in denen die Nägel stachen“. Er erinnerte sich später: „Nur die Erinnerung an meine Mutter war mir eine stärkende Kraft, die Erinnerung an den Vater sagte: ‚Halte durch und räche dich!‘“

    Am 5. Mai 1945 wurde Michael Kraus von amerikanischen Truppen befreit. Er verließ das Lager selbständig und gelangte zu einem Lebensmitteldepot. Dieses wurde von Befreiten gestürmt, die die ungewohnte Nahrungsaufnahme allerdings nicht vertrugen und teilweise an den Folgen starben. Auch Michael war furchtbar übel, außerdem war er bereits schwer an Typhus erkrankt. Ein US-Militärfahrzeug brachte ihn schließlich in das Militärhospital Hörsching, wo er die erste Woche bewusstlos verbrachte. Nach einem insgesamt fünfwöchigen Aufenthalt konnte er das Krankenhaus verlassen und machte sich auf den Heimweg in der Hoffnung, seine Mutter wiederzusehen. Doch in Prag angekommen, erfuhr er von ihrem Tod.

    Der 15-jährige Michael wurde in einem der Waisenhäuser von Přemysl Pitter aufgenommen. Der Pädagoge und Humanist, der schon während des Krieges jüdischen Waisenkindern geholfen hatte, erbat sich mehrere von den Nationalsozialisten konfiszierte Schlösser. Dort beherbergte und versorgte er gemeinsam mit seinen Mitarbeiter*innen mittellose jüdische Waisenkinder aus den Konzentrationslagern. In einem dieser Schlösser schrieb Michael alle seine Erinnerungen an den Holocaust nieder und illustrierte sie. Er nannte sein Werk „Tagebuch“ – in Anlehnung an jene Aufzeichnungen, die ihm in Auschwitz abgenommen worden waren.

    Schließlich wanderte Michael Kraus in die USA aus, studierte in New York Architektur und arbeitete als renommierter Architekt. Seine Aufzeichnungen hielt er jahrzehntelang verborgen. Erst als ihn eines Tages zwei Freunde aus Israel besuchten – Rabbi Sinai Adler und Jehuda Bacon, die ebenfalls im KZ-Außenlager Gunskirchen inhaftiert gewesen waren –, holte Michael das Tagebuch hervor. Als seine Töchter es sahen, ermutigten sie ihren Vater, dieses dem United States Holocaust Memorial Museum zu übergeben. Wenig später erschienen seine Aufzeichnungen auf Tschechisch, Englisch und Deutsch als wertvolles Zeugnis der frühen Holocaust-Literatur. Im Jahr 2015 präsentierte Michael Kraus sein „Tagebuch 1942–1945. Aufzeichnungen eines Fünfzehnjährigen aus dem Holocaust“ dann persönlich an mehreren Orten entlang der historischen Todesmarschroute von Mauthausen nach Gunskirchen.

    Michael Kraus starb am 17. Dezember 2018 in Boston.

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    Michael Kraus – Der Weg nach Gunskirchen

    Michael Kraus – Die Hölle im Wald

    Michael Kraus – Das erste Aufeinandertreffen mit den Befreiern und der Weg nach Hörsching

    Quelle

    • Kraus, Michael: Tagebuch 1942–1945. Aufzeichnungen eines Fünfzehnjährigen aus dem Holocaust. Berlin 2015; Austin de Besche, Pilgrimage into the Past, Dokumentarfilm, Boston 2002.
  13. Györgyi Lachapelle Györgyi Lachapelle
    Schwarzweißaufnahme eines Waldes – Symbolbild
    Wald – Symbolbild.

    Györgyi Lachapelle wurde am 29. Februar 1924 in Budapest geboren, wo sie bis 1944 lebte und als Näherin arbeitete.

    Am 23. Oktober 1944 wurde sie festgenommen und zum Kőbánya-Kispest-Bahnhof getrieben. Noch am selben Tag musste sie mit vielen Budapester Juden im strömenden Regen zu Fuß zum Ferihegy-Hügel marschieren, wo sie abends ankamen. Am nächsten Tag brachte man die Gefangenen nach Budafok. „Dort hoben wir zwei Wochen lang Gräben aus, aber niemand tat uns etwas zuleide“, betonte Györgyi. Sie erhielten sogar einen Entlassungsschein, daher dachten sie, dass sie wieder nach Hause gehen könnten, aber stattdessen brachte man sie in eine Ziegelei in Óbuda. Bevor die Gruppe dort ankam, nahmen ihnen die nationalsozialistischen ungarischen Pfeilkreuzler alle Wertsachen ab. In der Ziegelei wurden unzählige Menschen zusammengepfercht und erneut aufgefordert, alles abzugeben. Fand man bei jemandem mehr als 25 Pengő [Anm.: von 1927 bis 1946 die Währung Ungarns], wurde er erschossen. Györgyi sah dort kistenweise Ringe und Uhren, die man den Juden abgenommen hatte.

    Danach marschierten sie zwei Wochen lang entlang der Wiener Landstraße – ohne etwas zu essen zu bekommen. Bei Hegyeshalom wurden sie von Deutschen übernommen, die sie in einen Waggon verfrachteten und erstmals verpflegten. Man sagte ihnen, dass sie nach Deutschland kämen, in Fabriken arbeiten und gut versorgt würden.

    Aber das Gegenteil war der Fall: In Kőszeg wurden sie aufgeteilt und in ein Frauen- und ein Männerlager in Bozsok gebracht. Durch einen Bekannten kam auch Györgyi in das Männerlager, wo es ihr besser ging als den anderen. Ihre gute Lage hielt aber nicht lange an. Ende Februar kam sie nach Eberau, wo bereits gefällte Baumstämme zur Tarnung zu Schützengräben geschleppt wurden. Schon gegen Mittag war sie völlig erschöpft, doch die Arbeit ging bis zum Abend weiter.

    Als die Russen vorrückten, wurden sie am 26. März 1945 zu Fuß losgeschickt. Es folgte ein drei Wochen langer, entsetzlicher Fußmarsch, begleitet von Hunger und Tod. Die Gefangenen sammelten Schnecken, Raps und Sauerampfer, was die SS aber nicht sehen durfte, denn wer aus der Reihe trat, wurde erschossen. Als sie den Präbichl-Pass überquerten, lichteten sich die Reihen. „Mindestens 60 Prozent kamen unterwegs ums Leben“, erzählte Györgyi im Gespräch mit Klára Vincze, das sie nach ihrer Rückkehr aus dem Holocaust im Büro des Landeskomitees zur Betreuung der Deportierten (DEGOB) in Budapest führte und das aufgezeichnet wurde.

    Györgyi berichtete weiter: „Völlig geschwächt kamen wir in Mauthausen an. Vier Tage lang schliefen wir im Freien, weil es in den Zelten keinen Platz mehr gab. Das Lager war von einem Stacheldrahtzaun umgeben, der unter Hochspannung stand. Außerhalb des Zauns standen ständig Aufseher mit geladenen Gewehren. Wer sich dem Zaun auf einen Meter näherte, wurde erschossen. Die Scheinwerfer leuchteten ununterbrochen, sodass eine Flucht unmöglich war. Einmal gab es einen Luftangriff. Eine Bombe schlug direkt neben mir ein und riss einem Mann den Kopf ab.

    Unsere Verpflegung bestand täglich aus einem halben Liter Rübensuppe und 10 Deka Brot, das völlig verschimmelt war. Den ganzen Tag über taten wir nichts. Es war nur kalt. Die Kranken waren mit uns gemeinsam in einem Zelt. Täglich gab es 150 bis 200 Tote. Die Leichen lagen im Freien verstreut, und es stank furchtbar danach und nach den offenen Latrinen.

    Ein Feldwebel lief mit einem armdicken Stock umher und jedem, der an ihm vorbeikam, schlug er auf den Kopf, sodass ihm der Schädel zersprang. Er schlug auch Frauen.

    Es gab einen Wasserhahn, zu dem man nur sehr schwer gelangen konnte. Dieser befand sich im Freien, sodass man sich dort vor aller Augen waschen musste.

    Ende April ging es zu Fuß weiter. Wir marschierten drei Tage lang, und sehr viele wurden unterwegs erschossen. Gunskirchen erreichten wir im strömenden Regen. Da es dort jeden Tag einmal regnete, herrschte ein schrecklicher Schlamm, der nie trocknen konnte. Das Lager lag mitten im Wald, wo die Sonne wegen der hohen Nadelbäume nicht hinkam. Wasser gab es überhaupt nicht, weder zum Trinken noch zum Waschen. Nur die Frauen durften zweimal wöchentlich in einem nahegelegenen Fluss baden.

    Die Unterbringung war entsetzlich. In einer Baracke waren 2.000 Menschen untergebracht. Man konnte nur in der Hocke sitzen. Wir hungerten furchtbar. Unsere Tagesration bestand aus 4 Deziliter Suppe und 10 Deka Brot, aber selbst das bekamen wir nicht regelmäßig. Die SS-Männer quälten die Frauen. Einmal kam ein Hilfspaket vom Roten Kreuz an, aber wir bekamen zu siebt nur ein Paket, das bereits vorher geöffnet worden war und aus dem alles Wertvolle entnommen worden war. Überall wimmelte es von Läusen. Es gab auch sehr viele Typhusfälle. Täglich starben 250 bis 300 Menschen. Die Leichen lagen überall. In der Baracke gab es jeden Morgen 25 bis 30 Tote. Sehr viele Männer wurden von den SS-Leuten zu Tode geprügelt. Die Toten wurden in einem riesigen Massengrab im Wald beigesetzt. Niemand führte Aufzeichnungen über sie.

    Am 4. Mai wurden wir von den Amerikanern befreit.“

    Quelle

    • Lachapelle, Györgyi: DEGOB-Protokoll 1312. Mit www.deepl.com aus dem Ungarischen übersetzt, bearbeitet von Angelika Schlackl. URL: degob.hu, 18.08.2026.
  14. David „Dugo“ Leitner David „Dugo“ Leitner
    David „Dugo“ Leitner

    David „Dugo“ Leitner wurde am 1. Mai 1930 in Nyíregyháza in Ungarn als zweitältester Sohn von Meir und Golda Leah geboren. Er wuchs mit seinem älteren Bruder Shmuel und zwei jüngeren Schwestern, Rachel und Esther, in einer orthodox-jüdischen Familie auf. Die Eltern führten ein Lebensmittel­geschäft. Als 1939 der Krieg ausbrach, wurde die Lage der jüdischen Bevölkerung in Nyíregyháza zunehmend prekärer. Davids Vater wurde schließlich zum ungarischen Arbeitsdienst in die Ukraine einberufen, aus dem er im März 1944 entlassen wurde, woraufhin er nach Hause zurückkehrte.

    Kurz darauf marschierte die deutsche Wehrmacht in Ungarn ein, und die systematische Verschleppung der jüdischen Bevölkerung begann. Am zweiten Pessach-Tag wurde die Familie Leitner von der Polizei abgeholt und in das Ghetto Nyíregyháza umgesiedelt. Sechs Wochen später folgte die Deportation in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Bei ihrer Ankunft wurden Frauen und Männer sofort getrennt.

    Davids Mutter und seine Schwester Rachel wurden ermor­det. Vater und Bruder wurden in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert, wo auch der Vater ermordet wurde. David blieb mit rund 4.000 Kindern im Alter von 14 bis 15 Jahren in Birkenau zurück. Die SS setzte Jugendliche im sogenannten „Latrinenkommando“ ein. Eines Tages selektierte Josef Mengele 1.400 jüngere Kinder, die allesamt ermordet wurden. Bei einer nächsten Selektion traf es auch David. Er stand bereits mit 500 Kindern in der Gaskammer, als Mengele die schwere Eisentür noch einmal öffnete und rund 50 Kinder herausholte – darunter David.

    Nun musste er im „Kartoffelkommando“ arbeiten, bis Auschwitz-Birkenau am 18. Jänner 1945 geräumt wurde. Ausgehungert und erschöpft, träumte er auf dem Todesmarsch in das Außenlager Althammer von seiner Lieblingsspeise, den goldgelb gebackenen Bilkelach seiner Mutter. Das Bild dieser traditionellen, runden jüdischen Brötchen wurde für David zu einem Symbol der Hoffnung und des Überlebens.

    Nach einem tagelangen Weitertransport in offenen Viehwaggons traf er am 30. Jänner 1945 im KZ Mauthausen ein und erhielt die Häftlingsnummer 124929. Im April wurde er in das berüchtigte Zeltlager verlegt, wo er überraschend auf seinen Onkel Pinchas Leitner traf, der völlig dehydriert und dem Verhungern nahe mit einem Lastkahn auf der Donau nach Mauthausen transportiert worden war; er starb am darauf­folgenden Tag. Gequält von unvorstellbarem Hunger wurde David auf einem weiteren Todesmarsch in das Außenlager Gunskirchen getrieben.

    Am 5. Mai 1945 wurde David von US-amerikanischen Truppen befreit und nach Hörsching gebracht. Einen Monat lang lag er schwer krank und bewusstlos im 121st Evacuation Hospital. Nach seiner Genesung kehrte er auf dem Dach eines Zuges in seine Heimatstadt zurück, wo er seinen Bruder Shmuel wiederfand. Seine Schwester Esther kehrte erst zwei Jahre später zurück.

    Im Jahr 1949 wanderten David und sein Bruder nach Israel aus. Gemeinsam mit ungarischen Shoah-Überlebenden gründete David nahe der Hafenstadt Aschdod eine landwirtschaftliche Siedlung, den Moschaw Nir Galim. Dort heiratete er auch seine Ehe­frau Sara. In Nir Galim wurde David zu einem der Mit­begründer des Beit Haedut (Haus des Zeugnisses), das sich zu einer bedeutenden Holocaust-Gedenkstätte und Bildungs­einrichtung in Israel entwickelte. Bis an sein Lebensende engagierte er sich dort als Zeitzeuge und erzählte Tausenden jungen Israelis seine Geschichte.

    Vor vielen Jahren begann David ein außergewöhnliches Erinnerungsritual: Als er auf einem Markt in Jerusalem zum ersten Mal Falafel entdeckte, erinnerten ihn die frittierten Kichererbsenbällchen an die goldgelben Bilkelach seiner Mutter. Von da an machte er es sich zum Ritual, an jedem 18. Jänner – dem Jahrestag des Beginns der Todesmärsche in Auschwitz – Falafel zu essen, um sein Überleben zu feiern.

    Aus diesem persönlichen Ritual entstand die landesweit bekannte Initiative #OperationDugo. Am Gedenktag verkaufte David Falafel in einem Einkaufszentrum, teilte seine Lebens­geschichte mit Jung und Alt und betonte dabei, wie wichtig die Existenz des Staates Israel als sichere Zuflucht für das jüdische Volk sei.

    David „Dugo“ Leitner starb am 26. Juli 2023 im Alter von 93 Jahren. Die #OperationDugo wird seither alljährlich von Tausenden Menschen in Israel und weltweit fortgeführt, wodurch die Erinnerung an David und seine Botschaft lebendig bleibt.

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    David Leitner – Biografie

    Quelle

    • Zehava (Leitner) Kor, DUGO, The True Story of David (Dugo) Leitner, EN-Edition, Jerusalem 2016; The International School for Holocaust Studies Yad Vashem, e-Learning Department, My Father's Last Request. The Story of David (Dugo) Leitner, Dokumentarfilm, Israel 2022.
  15. Michael (Shimon) Marton Michael (Shimon) Marton
    Michael (Shimon) Marton
    Michael and Sarah Marton Family Foundation

    Michael (Shimon) Marton wurde am 5. Oktober 1923 in Viškovo, damals Teil der Tschechoslowakei, als Sohn von Avraham Marton und Ella (Baila) Steinberger Marton geboren. Er war das älteste von sechs Kindern und wuchs in einem streng gläubigen jüdischen Elternhaus in einer jüdischen Gemeinde auf. Zu seinen Kindheitserinnerungen gehörten das Haus und der Garten seiner Familie, der Sabbat und die Feier­tage, die Synagoge und das Studium der Tora, die Schule, Eislaufen und Sport sowie die umliegenden Berge. Als begeisterter Leser und begabter Mathe­matikschüler hatte er gehofft, Ingenieur zu werden. Schon von klein auf fühlte er sich zum Zionismus hingezogen und brachte sich selbst Hebräisch bei, weil er davon träumte, eines Tages in Eretz Israel zu leben.

    Durch die Verfolgung der Jüdinnen und Juden unter ungarischer Herrschaft wurde Michaels Ausbildung unterbrochen, und seiner Familie wurden nach und nach Sicherheit und Lebensgrundlage entzogen. 1944 wurde er gemeinsam mit seiner Familie in ein Ghetto deportiert und anschließend in eine ungarisch-jüdische Zwangsarbeitsgruppe eingezogen – ein Ereignis, das er als jenen Zeitpunkt in Erinnerung hatte, an dem er einen Großteil seiner Familie zum letzten Mal sah. Er wurde nach Nagybánya – das heutige Baia Mare – geschickt, wo etwa 240 junge jüdische Männer aus seiner Gruppe Zwangsarbeit am Eisenbahnbau verrichten mussten.

    Als die sowjetischen Truppen vorrückten, wurden Michael und die anderen Zwangsarbeiter nach Westen in Richtung der österreichischen Grenze verlegt. Er erinnerte sich daran, dass der ungarische Kommandant den jüdischen Männern wohlgesonnen war, sie schützte, wann immer er konnte, ihnen Essen besorgte, ihnen erlaubte, an den jüdischen Feiertagen zu beten, und einen Befehl, sie den Deutschen auszuliefern, wochenlang hinauszögerte. Im Jänner 1945 wurde die Gruppe jedoch schließlich deutscher Kontrolle übergeben.

    Michael wurde nach Österreich gebracht und gezwungen, in Wampersdorf an Panzerabwehr­befestigungen mitzuarbeiten. Als die Front näher rückte, wurde er auf einem Todesmarsch nach Westen in Richtung des KZ Mauthausen getrieben. Er erinnerte sich an Tausende von Häftlingen, die „wie eine Herde“ marschierten, an Erschießungen entlang der Route, an nahezu keine Nahrung, unzureichende Kleidung und Schuhe, bittere Kälte, Schnee und Eis. Einmal wurden die Gefangenen gezwungen, die Nacht auf dem gefrorenen Boden zu verbringen; viele der Älteren erfroren, während jüngere Gefangene versuchten, sich gegenseitig mit ihrer Körperwärme am Leben zu halten. Michael überlebte unter anderem dank der gegenseitigen Hilfe von Freunden, mit denen er das Wenige teilte, das sie besaßen.

    Vom KZ Mauthausen wurde er auf einem weiteren Todesmarsch in das KZ-Außenlager Gunskirchen getrieben und dort schließlich 1945 befreit. Durch Hunger und Krankheit stark geschwächt, erinnerte er sich später daran, an Typhus erkrankt gewesen zu sein, und sagte über sein Überleben schlicht: „Ich war jung und stark … Man konnte nicht klug sein. Man musste einfach stärker sein. Einfach Glück haben.“ Auch Jahre später gehörte der Todesmarsch noch zu seinen lebhaftesten Erinnerungen: „Der Schnee, das Eis und wie sie auf uns schossen …“

    Nach dem Krieg baute Michael sein Leben wieder auf. Er lebte zusammen mit anderen jüdischen Überle­benden in Displaced Persons Camps, engagierte sich für deren Organisation und in der Wohlfahrt und träumte weiterhin davon, nach Israel zu gehen. Die Umstände führten ihn schließlich stattdessen in die Vereinigten Staaten, wo er im April 1949 mit kaum mehr als einem Koffer und etwa 100 Dollar ankam. Dank seiner Entschlossenheit, seines Einfallsreich­tums und seines außerordentlichen Fleißes baute er ein erfolgreiches Unternehmen auf und engagierte sich intensiv im jüdischen und gemeinschaftlichen Leben. Sein ganzes Leben lang setzte er sich für die Lehren des Judentums, kommunale Einrichtungen, Bildung, Wohltätigkeit und den Staat Israel ein.

    Michael war ein hingebungsvoller Ehemann, Vater, Großvater und Urgroßvater. Die Familie und die jüdische Zukunft, die die Nazis zu zerstören versucht hatten, standen im Mittelpunkt des Lebens, das er sich nach dem Krieg aufbaute. Obwohl es ihm schwerfiel, über den Holocaust zu sprechen und er viele Jahre lang kaum über das Erlebte redete, erzählte er schließlich in Interviews von seinen Erfahrungen, damit das, was seiner Familie und seiner Generation widerfahren war, nicht in Vergessenheit gerät.

    Seine Tochter Elaine Diller setzt sein Engagement für die Erinnerung durch die „Michael and Sarah Marton Family Foundation“ fort – unter anderem durch die Unterstützung des Gedenkprojekts in Gunskirchen.

    Michael verstarb am 14. Oktober 2013 in New York im Alter von 90 Jahren.

    Michaels Vermächtnis lebt nicht nur in dem Zeugnis weiter, das er hinterlassen hat, sondern auch in seiner Familie, den jüdischen Einrichtungen, den Gemein­den, der Bildung und den Tzedakah-Taten, denen er sein Leben gewidmet hat.

  16. Therese Müller Therese Müller
    Therese Müller
    © Mauthausen Komitee Österreich

    Therese Müller wurde 1925 in Jászberény, Ungarn, geboren, wo sie in einer jüdischen Familie aufwuchs.

    Im Sommer 1944, als sie 19 Jahre alt war, wurde Therese aus Jászberény nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Dort wurde sie bei der Ankunft selektiert. Von den zwölf Familienmitgliedern, mit denen sie gemeinsam deportiert worden war, wurde sie als Einzige für die Zwangsarbeit ausgewählt.

    Von Auschwitz wurde sie in das KZ-Außenlager Walldorf bei Frankfurt am Main gebracht, wo vor allem aus Ungarn deportierte jüdische Frauen Zwangsarbeit leisten mussten. Danach folgten die Konzentrations­lager Ravensbrück und Mauthausen, das sie mit einem Transport in Bussen des Roten Kreuzes erreichte. Schließlich überlebte sie den Todesmarsch von Mauthausen nach Gunskirchen, wo sie am 5. Mai 1945 befreit wurde.

    Insgesamt verbrachte Therese Müller etwa zehn Monate in verschiedenen nationalsozialistischen Lagern. Sie war die Einzige von zwölf Fami­li­en­mit­glie­­dern, die über­lebt hatte.

    Nach der Befreiung gelangte Therese Müller schließlich nach Schweden, wo sie ab 1951 lebte. Dort baute sie sich ein neues Leben auf und arbeitete später als Ärztin.

    Viele Jahre sprach sie nicht über ihre Erlebnisse. Erst 1993 erschien ihr Erinnerungsbericht auf Schwedisch und später auch auf Deutsch unter dem Titel „Als junge ungarische Jüdin im Holocaust: Aus Jászberény durch Auschwitz, das KZ-Außenlager Walldorf beim Flughafen Frankfurt am Main, Ravensbrück, Mauthausen und Gunskirchen nach Schweden“.

    Therese Müller verstarb 2007.

    Quelle

    • Müller, Therese: Als junge ungarische Jüdin im Holocaust: Aus Jászberény durch Auschwitz, das KZ-Außenlager Walldorf beim Flughafen Frankfurt am Main, Ravensbrück, Mauthausen und Gunskirchen nach Schweden. 1925–2007. Konstanz 2014. S. 135.
  17. Avigdor Neumann Avigdor Neumann
    Avigdor Neumann

    Avigdor Neumann wurde am 31. Juli 1931 in Velká Sevljuš in der damaligen Tschechoslowakei geboren. Heute heißt die Stadt Wynohradiw und liegt in der Karpatenukraine.

    Avigdor war das vierte von sieben Kindern der chassidischen Familie von Menachem Mendel und Bella (oder Bila) Neumann. Avigdor war ein sehr aufgewecktes und lebhaftes Kind. Hatte eines der Kinder etwas angestellt, wurde immer er beschuldigt. Der Vater sagte einmal zu ihm: „Wenn du fünf Minuten ruhig stehen bleibst, bezahle ich dich dafür!“

    Avigdors Vater war ein wohlhabender Geschäftsmann und handelte mit Baumaterialien – die nichtjüdischen Mitbürger kauften gerne bei Juden. Familie Neumann war sehr religiös, schon am Morgen besuchte Avigdor den Cheder, die jüdische Religionsschule, und danach ging es mit nichtjüdischen Schulkameraden in die öffentliche Schule.

    Infolge des Ersten Wiener Schiedsspruchs im November 1938, der die Grenzen zwischen Ungarn und der Tschechoslowakei neu festlegte, kam die Stadt unter ungarische Herrschaft und wurde Nagyszőllős genannt. Als Ungarn 1939 die Regierung übernahm, begannen auch die Feindseligkeiten gegenüber Juden. Ihre Geschäfte wurden geschlossen und jüdische Männer zum Arbeitsdienst einberufen. Auf den Straßen riss man an ihren Schläfenlocken, rief ihnen „Scheiß Jude“ nach oder „Verschwinde und geh nach Palästina!“. Die Lage verschlechterte sich zunehmend, als am 19. März 1944 die Deutschen in Ungarn einmarschierten. Juden mussten den gelben Stern tragen, wurden enteignet und in das Ghetto der Stadt eingewiesen. Am 22. Mai 1944 wurden alle Ghetto­bewohner in Viehwaggons verladen und nach Auschwitz-Birkenau deportiert. An der Rampe forderte der Vater Avigdor auf, bei der Mutter zu bleiben und ihr mit den kleinen Geschwistern zu helfen. Ein jüdischer Kapo wusste, was Avigdor dann passieren würde – und schickte ihn auf die Männerseite. Bei der Selektion gab er an, 15 Jahre alt zu sein und sich mit Maschinen auszukennen. Er kam in das „Latrinenkommando“. Mit einer Gruppe Buben wurde er anstelle von Pferden vor einen großen Wagen gespannt, mit dem sie jeglichen Abfall entsorgen mussten. Wenn sie bei den Kartoffelabfällen vorbeikamen, besserte er sich damit seine spärlichen Essensrationen auf.

    Am Zaun zum Frauenlager traf Avigdor seine ältere Schwester Sima Rahel. Er rief ihr zu: „Heute bin ich 13, es ist meine Bar-Mizwa!“ Wolfgang Sinai Adler, der Rabbinersohn aus Prag, hörte Avigdor rufen. Er borgte ihm seine Tefillin, die jüdischen Gebetsriemen, die er versteckt hielt. Avigdor legte sie in Auschwitz heimlich anlässlich seiner Bar-Mizwa an.

    Acht Monate war er schon im Vernichtungslager, als es schließlich geräumt wurde. Nach einem dreitägigen Todes­marsch kam er bei eisiger Kälte mit Tausenden Gefangenen nach Althammer, wo er mit vielen Jugendlichen in einen Viehwaggon verladen wurde. Am 30. Jänner 1945 traf er in Mauthausen ein, wurde mit der Häftlingsnummer 124954 registriert und im Block 10 untergebracht. Er erlebte große Kälte, schrecklichen Hunger und brutale Gewalt vonseiten der SS, bis er dann im April ins Zeltlager eingewiesen wurde. Es folgte ein weiterer Todesmarsch nach Gunskirchen. Die letzten Wochen bedeuteten für den damals 13-Jährigen noch unbeschreibliches Leid, bis er am 5. Mai 1945 von den Amerikanern befreit wurde.

    Avigdors Schwester Sima Rahel und er selbst waren die einzigen Überlebenden ihrer Familie.

    Avigdor emigrierte gemeinsam mit seiner Schwester nach Israel, wo er seine spätere Ehefrau Ricka kennenlernte.

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    Avigdor Neumann – Biografie

    Quelle

    • The International Institute for Holocaust Education at Yad Vashem, „I Rose From The Ashes“ – The Story of Avigdor Neumann. Jerusalem 2025. Zusammenfassung: Angelika Schlackl.
  18. Ernő Rosenberg Ernő Rosenberg
    Schwarzweißaufnahme eines Waldes – Symbolbild
    Wald – Symbolbild.

    Ernő Rosenberg wurde am 1. März 1918 in Szinérváralja, dem heutigen Seini in Rumänien, geboren. Er lebte und arbeitete als Schneidergehilfe in Budapest.

    Am 18. Jänner 1943 wurde er mit einer Gruppe Juden nach Nagybánya einberufen, um Minen zu räumen und Stachel­drahtzäune aufzurollen. Seiner Kompanie warf man vor, Kommunisten zu sein, beschimpfte sie als „verdammte Juden“ und drohte, sie in die Ukraine zu schicken. Im November desselben Jahres wurden sie tatsächlich als Bergarbeiter­kompanie in die Ukraine verschleppt, „wo sie das Tageslicht nicht mehr sehen sollten“, wie ihr Kompaniechef aus Budapest prophezeite. Letzterer war deutscher Herkunft und ein „ausgesprochener Judenmörder“, so Ernős Beschreibung. Sie mussten weiter nach Kolomea und Nadwórna. Ihr tägliches Arbeitspensum betrug 18 Stunden, ihre Verpflegung war jedoch äußerst gering. Ständig waren sie harten Schlägen und antisemitischen Beschimpfungen ausgesetzt.

    Für kurze Zeit war Ernős Kompanie direkt an der russischen Front, wo er und seine Gefährten etwas humaner behandelt wurden. Nachdem sie die Front wieder verlassen hatten, begannen die antisemitischen Beschimpfungen allerdings erneut. Als Ernő verwundet wurde, brachte ihn ein Lazarettzug nach Miskolc. Nach seiner Genesung kehrte er zu seiner Kompanie nach Nagybánya zurück, wo die Juden wieder schikaniert wurden. Es folgte eine Odyssee von einem Ort zum anderen – nach Budapest zum Flughafen Ferihegy, weiter nach Újpest, dann nach Vác und Budafok. In der dortigen Kaserne erlebte Ernős Kompanie schreckliche Dinge: An einem Sonntagmorgen wurde die Kaserne von einer mit Bajonetten bewaffneten Wachmannschaft umzingelt, tags darauf um zwei Uhr früh die gesamte Kompanie zur Polizeistation in Józsefváros gebracht und in Waggons verladen. Nach einer Sechstagereise ohne Essen und Wasser ging es in versiegelten Waggons und zusammengepfercht mit 80 Personen bis Hegyeshalom. Am Grenzbahnhof zu Österreich wurden sie von der deutschen Gendarmerie vollständig ausplündert. Man ließ ihnen gerade noch die Kleidung, die sie am Leib trugen, und ihre Schuhe. In Bruck an der Leitha wurden sie deutschen Politkommissaren übergeben. Unter schlimmsten Bedingungen arbeiteten sie täglich acht bis zehn Stunden, mussten einen Wald roden, Kohle schaufeln und Schnee räumen. Als sich die Front näherte, marschierten sie zu Fuß nach Deutsch-Altenburg, wo sie auf eine Gruppe von 1.500 Deportierten aus Engerau trafen, die erzählten, dass sehr viele ihrer Kameraden schon unterwegs erschossen worden waren.

    Verladen auf einen Lastkahn folgte eine achttägige Schiffsreise nach Mauthausen. Unterwegs gab es keine Verpflegung, wie Ernő erzählte. In ihrer Not schöpften sie deshalb aus der Donau Wasser zum Trinken. Völlig geschwächt erreichte die Gruppe Mauthausen. Von den anfangs insgesamt 3.000 Menschen waren zu diesem Zeitpunkt nur mehr zwischen 1.800 und 2.000 am Leben. Die anderen waren verhungert oder erschossen worden. Wer es aus Erschöpfung nicht schaffte, aus dem Lastkahn zu steigen, wurde ebenfalls erschossen.

    Unter bewaffneter SS-Bewachung marschierten die Häftlinge ins Lager Mauthausen. Unterwegs sammelte man auf drei Lastwagen unzähligen Leichen ein, erinnerte sich Ernő. Eines Morgens wurde ein Transport von Mauthausen nach Dachau geschickt, wo es jedoch keinen Platz mehr für die neuen Häftlinge gab. Also kehrten sie wieder nach Mauthausen zurück und wurden im überfüllten Zeltlager untergebracht. Dort sah Ernő, wie täglich Berge von Leichen weggetragen wurden.

    Ernő Rosenberg sprach von 4.000 bis 5.000 Menschen, die täglich vom Zeltlager in Richtung des KZ-Außenlagers Gunskirchen losgetrieben wurden. Unterwegs gab es keine Verpflegung, sodass die Häftlinge in ihrem quälenden Hunger Gras, Luzerne und Schnecken aßen.

    Am 5. Mai 1945 trafen die US-Befreier ein. Die US-Soldaten verteilten großzügig Lebensmittel, Ernő musste jedoch auch mitansehen, wie viele seiner Kameraden tot zusammen­brachen, weil sie das Essen nicht vertrugen. An Typhus erkrankt, wurde Ernő zur medizinischen Behandlung nach Wels gebracht und kehrte nach seiner Genesung im Oktober 1945 nach Budapest zurück. Auf der Suche nach Unterkunft, Versorgung und nach Angehörigen wandte er sich an das DEGOB, eine jüdisch-ungarische Hilfsorganisation für Deportierte in Budapest. Am 11. Oktober 1945 wurde er von einem DEGOB-Mitarbeiter nach seinen Erlebnissen im Holocaust befragt, um Informationen über die Verbrechen und ihre Täter zu sammeln. Ernő Rosenberg war einer von 824 interviewten Überlebenden des Lagers Gunskirchen. Sein Bericht wurde im DEGOB-Protokoll Nr. 3395 aufgezeichnet.

    Quelle

    • Rosenberg, Ernő: DEGOB-Protokoll 3395. Mit www.deepl.com aus dem Ungarischen übersetzt, bearbeitet von Angelika Schlackl. URL: degob.hu [abgerufen am 18.08.2026].
  19. Shaul Spielmann Shaul Spielmann

    Shaul Spielmann wurde am 1. Juli 1931 als einziger Sohn von Benjamin und Josefine Spielmann in Wien geboren. Sein Vater diente als Offizier im österreichischen Bundesheer und arbeitete dann als Ingenieur bei der Wiener Elektrizitäts­gesellschaft. Seine Mutter erhielt eine musikalische Ausbildung am Konservatorium in Wien.

    Nach dem Anschluss an Nazi-Deutschland im Jahr 1938 änderte sich das Leben der Familie Spielmann schlagartig. Sie wurden von Nationalsozialisten enteignet, mussten ihre Wohnung im 16. Bezirk ohne ihren Besitz verlassen und lebten dann in Angst und Armut am Fleischmarkt im 1. Bezirk. Am 2. Oktober 1942 spätnachts wurde die Familie schließlich von der Gestapo verhaftet und zwei Tage später nach Theresienstadt deportiert.

    Shaul Spielmann mit seiner Schwester
    Shaul Spielmann mit seiner Schwester

    Mitte November 1943 erfolgte ihre Deportation gemeinsam mit 5.000 weiteren Häftlingen und Familienmitgliedern in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Dieser Transport wurde keiner Selektion unterworfen und in das B-Lager aufgenommen – allerdings nur für sechs Monate. Die Familien wurden am Leben erhalten, um im Falle einer Besichtigung durch das Rote Kreuz behaupten zu können, in Auschwitz fände keine Vernichtung statt.

    Beide Eltern wurden schließlich ermordet, und Shaul blieb gemeinsam mit anderen jungen Burschen ein weiteres Jahr in Auschwitz – mit der Nummer 170775 auf seinem linken Arm tätowiert. Er überlebte schreckliche Todesmärsche bei frostigen Temperaturen und kehrte im Februar 1945 als Häftling nach Österreich zurück.

    Als Häftling Nr. 118298 wurde er in den letzten Kriegsmonaten zunächst nach Mauthausen deportiert. Über das KZ Melk führte sein Weg schließlich in das KZ-Außenlager Gunskirchen, wo sich die Bedingungen für die Häftlinge zunehmend verschärften.

    Am 5. Mai 1945 fand seine Leidensgeschichte ein Ende, als US-amerikanische Truppen das Lager befreiten.

    Shaul Spielmann beim Fest der Freude 2016

    Shaul Spielmann beim Fest der Freude 2016
    © Sebastian Philipp

    Shaul erholte sich nach dem Krieg hauptsächlich in Israel. Er baute sich dort ein neues Leben auf und gründete eine neue, glückliche Familie.

    Im Zuge seiner jüngsten Besuche der Befreiungsfeiern in Mauthausen und Gunskirchen sowie des Fests der Freude in Wien sprach Shaul Spielmann als Überlebender und Zeitzeuge mit jungen Menschen und teilte seine Erlebnisse während des Nazi-Terrors mit ihnen.

    Shaul Spielmann lebt bis heute in Israel.

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    Shaul Spielmann – Der Weg nach Gunskirchen – Zivilbevölkerung

    Shaul Spielmann – Das Lager

    Shaul Spielmann – Am Areal des ehemaligen KZ-Außenlagers im Bereich der Baracken

    Shaul Spielmann – Zustände im Lager

    Shaul Spielmann – Rede beim Denkmal der U.S. Army im Zuge des „Walk of Solidarity“ im Rahmen der Befreiungsfeier

    Shaul Spielmann – KZ-Außenlager Gunskirchen – Todesopfer

    Shaul Spielmann – Rede beim Denkmal der U.S. Army im Zuge des „Walk of Solidarity“ im Rahmen der Befreiungsfeier

    Shaul Spielmann – Der Weg nach Hörsching

    Quellen

    • MKÖ: Interview mit Shaul Spielmann. Mauthausen Komitee Österreich. Wien 2017.
    • MKÖ/ORF: Interview mit Shaul Spielmann. Mauthausen Komitee Österreich/Österreichischer Rundfunk. Wien 2016.
  20. Willie Sterner Willie Sterner
    Willie Sterner
    © Mauthausen Komitee Österreich

    Willie Sterner wurde am 15. September 1919 als ältester Sohn von Hersz Leib und Hinda Reizel Sterner im polnischen Wolbrom geboren, wo sein Vater als Malermeister tätig war. Willie hatte sechs Geschwister: Yosel Meier, Abraham, Ida, Genia, Rachel und Sarah. 1929 zog die Familie nach Krakau, und Willie besuchte die technische Schule für Malerei und Kunstgewerbe. Danach arbeitete er im Malerbetrieb seines Vaters. Sie dekorierten Häuser, Theater und Synagogen. Willie war Mitglied des zionistischen Jugendclubs Akiva und des Maccabi-Boxclubs. Das Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden zu jener Zeit war nicht besonders freundlich, als liberal orientierten Juden ging es den Sterners aber besser als religiösen.

    Ihre Lage änderte sich jedoch mit dem Einmarsch der Deutschen in Polen im September 1939 gravierend. Willie musste im Arbeitslager Pustków Bäume fällen und Bauholz sägen. Er konnte aber flüchten und kehrte nach Krakau zurück. Um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, arbeitete er wieder als Maler. Anfang 1941 übersiedelte Willies Familie wieder zurück nach Wolbrom. Willie und seine Brüder mussten dort für den Kommandanten des Ghettos Malerarbeiten verrichten.

    1942 begannen erste Razzien. Willies Mutter und seine Schwestern wurden nach Treblinka deportiert und ermordet. Der Rest der Familie wurde ins Ghetto Krakau umgesiedelt. Da sie dort ohne Hab und Gut ankamen, durfte Willie nach Wolbrom zurückkehren, um Kleidung für die Familie zu holen. Die Rückkehr nach Krakau wurde ihm in der Folge aber verweigert, worauf Willie bei einer Polin namens Kazia Strzalka untertauchte. Als er erfuhr, dass sein Vater und seine Brüder aus Krakau deportiert worden waren, verlor er jeden Überlebenswillen und stellte sich den Deutschen. Diese schickten ihn zur Zwangsarbeit am Flughafen. Als im März 1943 das Ghetto von Krakau geräumt wurde, war Willie einer jener 8.000 Juden, die in das Konzentrationslager Płaszów eingewiesen wurden.

    Eines Tages kam Oskar Schindler in das Lager. Er benötigte einen professionellen Maler und Willie wurde ihm zur Verfügung gestellt. Schindler erteilte ihm den Sonderauftrag, seine Kunstgemälde zu restaurieren. Im Zuge dessen wurde aber vergessen, Willies Namen auf Schindlers legendäre Liste zu setzen. Als die Emailwarenfabrik geräumt wurde, musste Willie wieder zurück nach Płaszów und wurde am 8. August 1944 gemeinsam mit 4.589 polnischen Juden nach Mauthausen deportiert. Mit der Häftlingsnummer 88163 registriert, musste er drei Wochen im Steinbruch Wiener Graben arbeiten. Danach wurde er als Maler und Lackierer ins Kommando „Bergkristall“ nach Gusen II überstellt und lackierte dort Flugzeugteile in einem der Stollen. Sein Vorarbeiter, ein Deutscher, war selbst von Beruf Maler und schätzte Willies Arbeiten sehr. Als Willie einmal von den giftigen Dämpfen der Lacksprays ohnmächtig wurde, rettete er ihn davor, erschossen zu werden. Er bat Willie sogar, seine private Stube im hinteren Bereich einer Baracke auszumalen. Willie demonstrierte, dass er sein Handwerk beherrschte, indem er aus einfachen Zutaten Farben mischte. Er war dabei so erfolgreich, dass auch andere Mitglieder des Block­personals seine Dienste in Anspruch nahmen. Mit diesen Malerarbeiten sicherte er sich das Überleben im berüchtigten Lager Gusen II.

    Am 24. April 1945 wurde Willie mit 846 Juden von Gusen ins Zeltlager nach Mauthausen überstellt und befand sich wenige Tage später auf dem Todesmarsch in das Außenlager Gunskirchen. Auf dem Weg dorthin lernte er Eva Mrowka, geboren am 11. November 1925, aus Sosnowiec kennen, wo die Sterners Verwandte hatten. Im Lager Gunskirchen verloren sie sich aber wieder aus den Augen.

    Als Gunskirchen am 5. Mai 1945 befreit wurde, machte sich Willie mit Tausenden Überlebenden zu Fuß auf den Weg nach Wels. Schwer an Typhus erkrankt, irrte er bis spät in die Nacht hinein in der Stadt umher – bis ihn ein US-Soldat aufgriff und in einem Privathaus einquartierte. Nach einigen Tagen meldete sich Willie bei der Nothilfe- und Wiederaufbauverwaltung der Vereinten Nationen (UNRRA) im Welser Herminenhof und wurde in die Krankenstation des Lagers Lichtenegg verlegt. Dort bekam er aber kein Bett mehr, sondern musste auf dem Boden liegen. Er hatte große Angst, seine wiedererlangte Freiheit für immer zu verlieren.

    Doch er überwand den Typhus und ging erneut zur UNRRA in der Hoffnung, noch weitere Familienmitglieder, die am Leben waren, zu finden. Da trat plötzlich ein junges, blondes Mädchen ein und eine jubelnde Gruppe von Freundinnen fiel ihr um den Hals. Danach begrüßte sie Willie mit Namen. Es war Eva Mrowka, die er auf dem Todesmarsch kennengelernt hatte. Sie sah wunderschön aus! Eva und Willie wurden ein Paar und heirateten im Juli 1946 in Salzburg.

    Willie Sterner war 1946 als Zeuge beim Mauthausen-Prozess in Dachau geladen. Er war jedoch sehr enttäuscht, weil er dort keine Gelegenheit bekam, über die Verbrechen der Täter von Mauthausen, Gusen und Gunskirchen auszusagen. Der Prozess war für ihn ein einziger „Zirkus“.

    Noch im selben Jahr übersiedelte er mit seiner Frau Eva ins Displaced-Persons-Lager Linz-Bindermichl, weil Willie in Linz eine Stelle als Polizeichef erhielt. Solange sie in Linz wohnten, besuchten sie im Gedenken an die vielen Ermordeten die Massengräber im Wald. Als Juden aber fühlten sie sich nicht wohl und sicher genug, um in Linz zu bleiben. Im Jahr 1948 gelang ihnen schließlich ihre Auswanderung nach Kanada.

    Willie Sterner starb am 4. Oktober 2011 in Montreal.

    Quelle

    • Sterner, Willie: The Shadows Behind Me, Toronto 2010.
  21. Stephan Virányi Stephan Virányi
    Schwarzweißaufnahme eines Waldes – Symbolbild
    Wald – Symbolbild.

    Stephan (István) Virányi wurde im Jahr 1925 in Ungarn geboren. Er wurde als ungarischer Zwangsarbeiter zum Bau des Südostwalls an der ungarisch-österreichischen Grenze herangezogen. Mit der Einstellung der Arbeiten wurde Stephan mit Tausenden anderen Häftlingen, vorwiegend ungarische Jüdinnen und Juden, auf einem Todesmarsch durch Österreich getrieben, dessen Ziel das Zeltlager des KZ Mauthausen war. Von dort wurde er Ende April 1945 auf einem weiteren Todesmarsch in das KZ-Außenlager Gunskirchen geschickt.

    Mit der Befreiung des KZ-Außenlagers Gunskirchen durch die US-Armee kehrte Stephan Virányi nach Ungarn zurück und lebte dort in Budapest und der Stadt Vác.

    Quellen

    • Kammerstätter, Peter: Der Todesmarsch ungarischer Juden von Mauthausen nach Gunskirchen im April 1945. Materialsammlung, Linz 1972.
    • https://nevek.hdke.hu/en/person/124765 [abgerufen am 29.09.2026]