Wolfgang Sinai Adler wurde am 11. Juli 1928 in eine jüdisch-orthodoxe Rabbinerfamilie in Prag geboren. Sein Vater, Dr. Šimon Adler, stammte aus Dobrá Voda im Böhmerwald. Er war ein jüdischer Gelehrter, Rabbiner, Historiker und Leiter des Archivs der Prager Jüdischen Gemeinde. Seine Mutter Reisel war die Tochter von Rabbi Sinai Schiffer, einem jüdischen Gelehrten aus Karlsruhe. Wolfgang war der jüngste von drei Brüdern und besuchte sowohl jüdische als auch tschechische Schulen. In seinem Elternhaus wurde zumeist Deutsch gesprochen. Wolfgangs zweitältester Bruder starb 1937.
Mit der Besetzung der Tschechoslowakei durch die Nationalsozialisten im März 1939 änderte sich sein Leben grundlegend. Jüdinnen und Juden mussten nun den gelben Stern tragen. Jüdischen Kindern wurde der Schulbesuch nicht mehr erlaubt, und überall hingen Schilder mit der Aufschrift „Für Juden verboten“. Die Familie Adler wollte auswandern, letztendlich gelang die Ausreise in das damalige Palästina jedoch nur Wolfgangs ältestem Bruder, dem jugendlichen Matisyahu.
Am 6. März 1943 wurde der 14-jährige Wolfgang gemeinsam mit seinen Eltern in das Ghetto Theresienstadt umgesiedelt. Wolfgang arbeitete dort in einer Bäckerei und konnte so Brot für seine kranken Eltern besorgen. Am 18. Mai 1944 wurde die Familie Adler mit 2.000 Ghetto-Bewohner*innen in einem Viehwaggon in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Bei seiner Ankunft erhielt Wolfgang die Nummer A1450 auf den linken Unterarm tätowiert.
Die Adlers wurden ins „tschechische Familienlager“ eingewiesen, das der NS-Propaganda dazu diente, der Welt vorzugaukeln, die Jüdinnen und Juden würden gut behandelt. Im Juli 1944 wurde es jedoch aufgelöst und Wolfgangs Eltern wurden ermordet. Mit 89 weiteren tschechischen Buben wurde Wolfgang von Mengele selektiert und musste in den SS-Baracken Reinigungsarbeiten durchführen und als Laufbursche für die SS arbeiten. Später wurde er in das Außenlager Pławy, ein SS-Versorgungslager, verlegt und mit der Pferdepflege beauftragt.
Mit dem Vorrücken der Roten Armee und dem Beginn der Todesmärsche in Auschwitz-Birkenau wurde auch das SS-Versorgungslager evakuiert und alles auf Pferdewagen verladen. Wolfgang musste laufen, während die SS auf dem Kutschbock saß. Tote, erfrorene oder erschossene Körper lagen am Straßenrand. Tagelang gab es nichts zu essen. Schließlich sperrte die SS die Gefangenen in Viehwaggons, die nach einer dreiwöchigen Irrfahrt am 23. Februar 1945 das Konzentrationslager Mauthausen erreichten.
Bei der Aufnahme ins Lager entdeckte Alois Holub, ein tschechischer Gefangener, den völlig dehydrierten Wolfgang. Der 27-jährige Holub war schon seit 1941 wegen seiner kommunistischen Tätigkeiten im KZ. Als Kunsttischler genoss er aber Begünstigungen im Lager und fertigte Einlegearbeiten im Auftrag der SS. Heimlich versorgte er den jüdischen Burschen regelmäßig mit extra Suppe und Brot. Damit rettete er Wolfgang das Leben, der wiederum das Essen mit anderen tschechischen Buben teilte. Als Wolfgang Anfang April 1945 ins Zeltlager verlegt wurde, übergab ihm Holub heimlich einen Pullover, darin eingewickelt Papier und Bleistift, mit den Worten: „Schreib mir, wenn du was brauchst!“
Als Wolfgang im Zeltlager an schwerem Durchfall und hohem Fieber erkrankte, gelang es ihm tatsächlich, fünf heimliche Nachrichten aus dem Zeltlager zu schmuggeln. Er bat Holub um einen Löffel, Brot, Suppe, Salz und sogar Kohletabletten, ohne die er das Zeltlager in Mauthausen nicht überlebt hätte – ebenso wenig wie den folgenden Todesmarsch in das Außenlager Gunskirchen und die katastrophalen Bedingungen dort, die er später als die schlimmste Zeit seines Lebens bezeichnete.
Nach der Befreiung am 5. Mai 1945 verließ Wolfgang gemeinsam mit Jehuda Bacon das Lager. Sie wurden auf der Straße nach Lambach vom US-Soldaten Stanley Leeper aufgelesen und in das Krankenhaus Steyr gebracht. Nach ihrer Genesung kehrten sie nach Prag zurück und wurden von der Hilfsaktion des Pädagogen Přemysl Pitter auf Schloss Štiřín betreut. Holub, der ebenfalls in seine Heimat zurückgekehrt war, bot Wolfgang am Telefon an, für ihn wie für einen eigenen Sohn zu sorgen. Wolfgang aber wollte zu seinem Bruder nach Palästina. Infolge der Machtübernahme der Kommunisten in der Tschechoslowakei brach der Kontakt ab.
In seiner neuen Heimat Israel nannte sich Wolfgang fortan nur mehr Sinai Adler. Er studierte an renommierten Jeschiwot [jüdische Hochschulen für das Studium der Tora] und wurde ein hoch angesehener Gelehrter und Rabbiner. 20 Jahre lang diente er als Oberrabbiner der Stadt Aschdod. Nie aber vergaß er, was Alois Holub für ihn getan hatte. Als der Eiserne Vorhang fiel, nahm er mit Holub Kontakt auf. Über all die Jahre hatte dieser Wolfgangs Nachrichten aus dem Zeltlager aufbewahrt und gab sie ihm nun zurück. Auf Sinai Adlers und Jehuda Bacons Initiative wurde Alois Holub 1994 von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt.
Die letzten Jahrzehnte seines Lebens verbrachte der Rabbiner Sinai Adler in Mevasseret Zion bei Jerusalem und starb an seinem 92. Geburtstag am 11. Juli 2020 im Kreise seiner Familie.
Quelle
- Adler, Sinai: Your Rod and Your Staff. A Young Man's Chronicle of Survival. Jerusalem 1996; AMM OH/ZP1/703, Interview von Kobi Kabalek mit Sinai (Wolfgang) Adler, Mevasseret Zion 2002.