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Pal Bacs gelesen von Cornelius Obonya

Der Todesgang

9:48

Langsam, aber leider ohne Aufenthalt starben wir weiter, unser Leiter war ein SS-Hauptmann, er kam mit seinem Fahrrad hinter uns her. Wir waren schon am ersten Tag Leichen. Bergauf und bergab. Hinter uns kamen die deutschen Trosswägen, die mit Lebensmitteln und allerlei Sachen, die sie retten wollten, beladen waren. In der ersten Nacht übernachteten wir auf einer riesigen Wiese. Diese erstreckte sich bis zu einem Grenzdorf. Wir glaubten, dass wir allein waren, aber wir irrten uns; viele, viele Tausende kamen auf dieser Wiese zusammen. Mein Vater war unsäg­lich müde. Ich musste sogar seinen Rucksack tragen. Auf der Wiese kauerten wir uns zusammen, so wärmten wir uns.

Morgens, um 5 Uhr, setzte sich die ganze Gesellschaft in Bewegung. In unübersehbaren Reihen gingen wir auf Waldwegen weiter. Auf der Landstraße konnten wir nicht gehen, weil wir dadurch den deutschen Rückzug gestört hätten. Die Wegstrecke war auf diese Weise kürzer, aber umso mühsamer. Wir mussten, ohne einen Weg zu haben, Berge überklettern, die sogar einem Touristen genug abverlangt hätten. Wir aber, übermüdet an Leib und Seele, gingen weiter. Die Verpflegung ging langsam aus, aber unsere Brigadiere kümmerten sich nicht darum. „Nur weiter, immer weiter“, war die Devise, egal, was wir sie auch fragten. So blieben Städte, Dörfer hinter uns, wie wenn wir mit der Eisenbahn gefahren wären. Ich hielt dem Vater sein’ Leib und Seele aufrecht, den ganzen Weg erzählte ich nur von daheim. Was gibt es zu Hause, was wird sein, wenn wir nach Hause kommen. Weil, wir müssen nach Hause. Erst recht wollen wir den Deutschen zeigen, dass wir nach Hause kommen werden.

Ich schwor, dass ich nicht mehr Pfadfinder sein wolle: Ich brauche keine Wanderung mehr, ich wandere zurzeit genug. Nur mit Lesen, Lernen und reichlichem Essen werde ich meine zukünftige Zeit vertreiben. Ich stellte ein Extra­rezept auf, was ich dann alles essen werde. Auch mein Vater machte Pläne. Zum Beispiel: Wenn wir unsere Wohnung zurückbekommen, wie werden wir diese ein­richten usw. usw. Mit solchen Überlegungen verging ein Tag.

Zu essen bekamen wir nur selten, an einem Tag nur abends. In der folgenden Zeit sahen wir kein Brot. Es ist vorge­kommen, dass wir bereits um 3 Uhr nachmittags unsere Tagesbehausung erreichten. Wir legten uns dann sofort hin und versuchten unsere Müdigkeit zu bewältigen. Ich kam zu der Überzeugung, dass uns Juden der Herrgott besonders liebt. Wir marschierten ganze drei Wochen, ohne eine ständige Unterkunft zu erreichen. Diese ganze Zeit regnete es nicht, keinen Tropfen. Sonst wäre es für uns noch unerträglicher gewesen. Irgendwann einmal am Nachmittag trafen wir auf unserer Wiese ein, welche auch für den Tag unsere Unterkunft war. Ein Auto brachte hinter uns das warme Essen. Jeder bekam zwei Schöpflöffel voll. Bis zu dem Tag hatten wir schon den vierten Tag nichts zu essen bekommen. Es entstand ein furchtbarer Kampf um das Auto. Damals bewachten uns ungarische Polizisten. Ich habe auch mitgekämpft um ein wenig Schwappelndes. Ich erhielt auch alles – von der Suppe bis zu Schlägen mit Gewehrkolben. Aber Sie verstehen, ich bekam ein volles Kochgeschirr.

Und langsam traf der „Todeszug“ ein. Wir kamen in der Nähe der Alpen an. Über den Grat führte eine kurvenreiche Landstraße auf die andere Seite des Berges. Unten, am Fuße des Berges, schien herrlich die Sonne. Wir traten den Aufstieg an. Aber bis wir hinaufkamen, vergingen 5–6 Stun­den. Das Wetter hat sich geändert. Wir gerieten in ein furchtbares Schneegestöber. Wir waren darauf nicht vorbereitet, dass es hier oben so kalt und eisig wird. Wir froren fürchterlich. Aber nicht lange. Die SS sorgte dafür, dass wir nicht frieren: Auf der anderen Seite des Berges mussten wir hinunterlaufen. Der Weg war glatt, rutschig und eisig und die Männer mager, schwach und müde von dem hinter ihnen liegenden zweiwöchigen Fußmarsch. Und laufen, ohne anzuhalten laufen. Wenn einer stehen bleibt, der ist schon verloren, er stirbt. Die Maschinenpistolen der Schurken kommen nicht zum Schweigen. Wer das Laufen nicht aushält, bleibt hinter der Gruppe zurück, der ist schon tot. Ununterbrochen peitschen die Schüsse der Maschi­nen­pistolen. Durr… Durr… Durr… – und so endete für sieben Menschen das Leben. Eine Gruppe von ca. 300 Mann wurde von einem im Wald versteckten Maschinengewehr niedergemäht. 300 Familien blieben ohne Vater.

Aber es stirbt nicht jeder. Es gibt die, die nur am Fuß verletzt werden oder einen Bauchschuss von den SS-Kugeln abbekommen und deshalb nur hinfallen. Aus dem Mund, Ohren und Wunden fließt das Blut, aber der Körper ist noch warm, in ihm ist noch Leben. Wir springen über die Leichen und Verwundeten. Ein … ein einziges Flehen: Guter Gott, ich flehe Dich an, helfe, helfe, oder ich sterbeeee! Und wir kommen nicht zum Stehen, sondern springen über alle hinweg. Eben jetzt laufe ich wieder bei einem Verwundeten vorbei, weil ich einen SS-Soldaten erblickt habe. Dieser setzt seine Maschinenpistole am Kopf des Verwundeten an und drückt ab. Dessen Schädel bricht total auseinander.

Das alles geschah vor meinen Augen. Ich glaubte, jetzt ist alles aus, das halte ich nicht mehr aus. Aber etwas, etwas flüsterte im Inneren mir zu: Verzage nicht! Und ich verzagte nicht, am Rücken zwei Rucksäcke, am Arm die Decken, auf den anderen Arm stützte sich mein Vater. So liefen wir den Hang hinunter wie die Irren. In diesem Moment glaubte ich, dass ich verrückt geworden bin. Mein armer Vater flüsterte mir zu: „Ich kann nicht mehr weiter, mein Sohn, Gott mit Dir! Ich setze mich hin, sie sollen mich erschießen!“ Ich ließ nicht nach. Ich zog ihn hinter mir her wie ein Kind. Als ich mich umschaute, bemerkte ich, dass neben uns niemand mehr da war. Wir fielen von der Gruppe ab. Wir beide sind dann auf der Landstraße hinuntergelaufen, wo in einer Kurve plötzlich ein SS-Soldat auftauchte. „Wir können gehn, wir sind gesund“, sagten wir zu ihm. „Sollen Sie nicht uns hinunterschossen?“, stotterten wir ihm zu, aber er pfiff auf uns. Er war mit einer anderen Arbeit beschäftigt. Er plünderte einen Leichnam aus. Plötzlich verspürte ich einen fürchterlichen Stoß. Ich dachte, ich fliege hin. Sie haben mir die Hose durchgeschossen. Gott sei Dank, die Mörderkugel traf nicht ihr Ziel!

Noch schneller liefen wir weiter, und so erreichten wir wieder eine Gruppe, mit der wir weiterliefen. Am Rande des Weges, in der Rinne, floss statt Regenwasser das Blut bergabwärts. An diesem Tag starben 1.000 Mann auf dem Alpentodesmarsch. Vor Eisenerz wurde das Halten angeordnet. Da standen wir bis zum Abend. Es kamen ein Haufen deutsche Lkw, in welche die Leichen hinein­geschmissen wurden. Wartet, ihr Schurken, wenn nicht wir, aber der Herrgott wird euch bestrafen.

Am nächsten Tag wurden 30 Mann zu einer Arbeit gesucht und es wurde ihnen doppelte Verpflegung zugesagt. Diese Männer gruben für die Leichen die Gräber aus, begruben diese. Aber sie gruben auch für sich selbst das Grab, weil sie anschließend von den SS-Männern in die Gräber hineingestoßen wurden. Umsonst – der Petőfi [Anm.: ungarischer Dichter und Freiheitskämpfer der ungarischen Revolution 1848] hat recht gehabt, als er sagte: Ungar, glaube und traue keinem Deutschen.

Mittags gingen wir weiter. Wir fühlten uns unter einer ungeheuren Nervenbelastung. „Hast nicht Zuchert gesehen?“, fragten wir jeden. Er war ein guter Freund von uns, der verschwunden war. An diesem Tag gingen wir sehr lange. Unser Befehlshaber sagte zu uns, dass wir in ein großes Lager gebracht werden. In dem Lager wird für uns alles gut, nur arbeiten werden wir müssen. Wir waren mit allem zufrieden, nur dieser fürchterliche Fußmarsch sollte endlich ein Ende haben.

Eines Tages gingen wir die ganze Nacht durch. Über die Ennsbrücke, wir fielen in der stockfinsteren Nacht über­einander. Die Deutschen trieben uns jedoch nur weiter. Es war bereits 11 Uhr in der Nacht, und wir gingen noch immer. Nach unserem Gefühl mussten wir bald in dem erwähnten Lager eintreffen. Nach einer starken Straßenkrümmung erblickten wir ein stark beleuchtetes Lager – endlich, wir haben uns sehr gefreut, weil wir der Annahme waren, dass das Lager in Zukunft unsere Unterkunft sein wird. Wir gingen durch die Ortschaft. Auf der Ortstafel stand geschrieben: MAUTHAUSEN

KZ Mauthausen

3:38

Die Landstraße endete beim Eingang des Lagers. Dort befand sich ein mächtiger Schlagbaum, oberhalb des Tores war ein großer, beleuchteter Totenkopf angebracht. Überall, wo man hinschaute, sahen wir nur SS-Soldaten. Es war ein furchtbarer Anblick. Wir gingen durch das Tor, das sich hinter uns schloss. Im Lager wurden wir in fünf Reihen aufgestellt. Es wurde gezählt. Hundert Stück Menschen – so sagten sie –, marsch hinein. Es musste alles sehr schnell gehen. Mein Vater hat seine letzten Kräfte mobilisiert, aber trotzdem konnte er nicht weiter. Wir blieben zurück. Da kam ein SS-Mann, und als er beim Vater einen Stock sah, wollte er mit einer Eisenstange auf ihn einschlagen. Aber der Schlag gelang ihm insofern nicht, als er mich traf. Dann fingen wir zu laufen an. Die uns zugeteilte Baracke war nicht mehr leer. Wir legten uns sofort auf den nackten Boden und schliefen, an äußerster Grenze der Erschöpfung, sofort ein.

Am nächsten Morgen erkannten wir erst das ganze Ausmaß unserer Situation. Die bereits im Lager Anwesenden suchten unter uns Bekannte. Ich war ebenfalls auf der Suche nach Bekannten, als der Vater hörte, dass jemand nach Kapo Bacs rief. Was weiß man schon, dachten wir, vielleicht ist es der Onkel Geza. Ich erkundigte mich nach Kapo Bacs, wo er zu finden sei. Sie sagten es mir. Ich ging dorthin. Und da lag er in der Baracke unter seinen Freunden und unterhielt sich mit ihnen. Zuerst bemerkte er mich nicht. Also rief ich: „Onkel Geza!“ Er hob seinen Kopf und bemerkte mich. Meine Freude war unbeschreiblich. […] Sofort zog er sich an und kam zu meinem Vater. Ich glaube, dass ich die Freude der beiden nicht beschreiben muss, als sie sich sahen. Onkel Geza gab jedem ein Stück Brot, das von uns sofort heißhungrig gegessen wurde. Zu dem Zeitpunkt hatten wir seit drei Tagen nichts mehr gegessen. Gott vergelte es ihm! Er richtete es sofort ein, dass wir in seine Hundertschaft aufgenommen wurden. Wir zogen auch in seine Baracke. Dann haben wir uns gewaschen, der Vater hat sich rasiert. Ich verband ihm die Wunde am Fuß. Bei der Essens­ausgabe erhielten wir zum ersten Mal ordentliches Essen. So verging der erste Tag.

Aber schon am nächsten Tag hörten wir, dass kein Platz für uns alle vorhanden ist und deshalb Häftlinge verlegt werden. Leider fielen auch wir unter die Versetzten. Am nächsten Tag in der Früh packten wir unsere Sachen, weil wir eben weitermussten. Uns wurde gesagt, dass es ein Weg von ca. 80 km sei. Wir sollten in ein neues Lager kommen, wo wir die Ersten sein werden. Wir traten wieder in fünf Reihen an. Wir standen mit dem Onkel Geza in vorderster Reihe. Eingehängt marschierten wir aus dem Lager. Natürlich ohne jede Verpflegung. Drei Tage lang gingen wir. Am letzten Tag konnte auch ich den Rucksack vom Vater nicht mehr tragen. Der Rucksack wurde dann abwechselnd von der Hundertschaft getragen. Wir waren der erste Turnus der fünften Hundertschaft und gingen jetzt am Ende. Mein Vater wurde plötzlich abgedrängt, sodass er gezwungen war, neben der Gruppe weiterzugehen, wodurch wir hinter der Gruppe zurückblieben. Am Ende des Zuges wurden wir von einem Deutschen über alles befragt, er gab uns zu verstehen, dass wir nicht lange am Leben bleiben, wenn wir noch einmal zurückbleiben. Irgendwie schlugen wir uns wieder zu der Gruppe zurück. Da fühlt man sich doch sicherer … Nach dreitägigem Marsch erreichten wir Gunskirchen.

Das Lager

0:43

Durch einen mächtigen Urwald führte die Landstraße. Ca. 3–4 km in der Mitte des Waldes befand sich das Lager. Das Lager war noch gar nicht fertig gebaut. Es befanden sich nur 1–2 fertige Baracken hier. Alles war aus Holz gebaut. Fassungsraum für etwa 800–1.000 Mann. Innen Steinboden.

Wir wurden hierher in die dritte Baracke versetzt. Im Lager selbst war das Gedränge furchtbar. In diese Baracken wurden zum ersten Mal 1.500 bis 2.400 Mann hinein­gepresst. Wir bekamen aber einen guten Platz. Onkel Geza erkämpfte sich diesen.

Alltag im Lager

4:16

Um 6 Uhr früh war das Wecken. Um halb sieben Antreten zum Appell. Jede Hundertschaft wurde genau abgezählt, ob niemand fehlt. Am Appellplatz war ein furchtbarer Gatsch, niemand ging aus der Baracke gerne hinaus. In solchen Fällen wurden die Menschen von einem SS-Unteroffizier mit einer Peitsche aus der Baracke gepeitscht. Burkus peitschte uns auch aus, obwohl er selbst ein Jude war. Nachher bekamen wir dann das Frühstück: schwarzen Kaffee. Man konnte nicht wissen, von was er so schwarz war, aber das ist sicher: Er war furchtbar bitter. Bis 4 Uhr nachmittags machten wir nichts. Das Brot wurde mittags ausgeteilt. Diese Austeilung nahm 3–4 Stunden in Anspruch. Von einem Wagen wurde es abgeladen und barackenweise eingeteilt. Von dem Brot wird natürlich viel gestohlen, das nimmt wieder viel Zeit in Anspruch. Zuerst wird die Baracke (2.400 Mann) gemeinsam mit dem Block (500 Mann) mit Brot versorgt. Dann folgt die Hundertschaft (100 Mann) und am Schluss die Einzelnen (ein Mann). Die Brote sind aber leider nie ganz, sie bestehen aus Stücken oder Bröseln. Gerade das Brot musste gerechter verteilt werden. Wöchentlich bekamen wir 1,40 kg Brot. Außerdem ein Stück Margarine. Die Margarine wog 1–2 dkg. Wenn wir schon beim Essen waren, wurde natürlich alles auf einmal gegessen. Nachmittags erhielten wir Futterrübensuppe. Ca. 4 Deziliter lauwarme, süße Suppe, in welcher ein bis zwei Fäden Rüben schwammen. Es ist ungeheuerlich – damals aber rauften wir um diese Suppe. Anschließend wieder Appell, nach diesem legten wir uns hin. Aus diesem Ganzen bestand ein Tagesverlauf.

Jeder, der nur irgendwie konnte, verschaffte sich Brot. Ein Freund des Onkel Geza – Kallos – ist an Typhus erkrankt. So hat er sein Brot nicht gegessen. Dieses Brot wurde in einem Extrasack aufbewahrt. Onkel Geza aß von dem aufbe­wahrten Brot regelmäßig. Klar, er hatte auch Hunger. Wenn er das Brot essen kann, kann ich es auch essen, dachte ich. Zwei- oder dreimal nahm ich das Brot aus der erwähnten Tasche und aß es. Onkel Geza hat das bemerkt und war darüber sehr aufgebracht. Er schrie, dass unter uns ein Dieb ist. Aber eigentlich hat ihn das nur geärgert, weil er selber das Brot nicht essen konnte. Einmal kam er dahinter, dass ich es war, der das Brot aus der Tasche genommen hat. Was er mit mir gemacht hat, das eignet sich nicht einmal zum Aufschreiben.

Wenn wir Wasser holten, mussten wir uns in Reihen aufstellen. Weil ich am Fuß eine Eiterbeule hatte, wollte ich mich zum Wasserholen nicht anstellen, obwohl mein Vater nach Wasser verlangte. Dies erfuhr Onkel Geza und verprügelte mich, dass es schon unmenschlich war. In so einem Fall hätte er jeden verprügelt, auch dann, wenn es sich um einen älteren Mann gehandelt hätte. Obwohl er nur ein Wort hätte sagen müssen, hätte er genug Wasser bekommen. Aber nein, ich musste trotzdem Wasser holen.

Im Befinden meines Vaters trat eine Verschlimmerung ein. Mit einem reinen Taschentuch verbanden wir ihm das linke Auge, weil er doppelt sah. Des Öfteren stand er vor einem Nervenzusammenbruch. Als er sich einmal wusch, fing er plötzlich an, um sich zu schlagen und herumzuwerfen. Sein Gesicht verwandelte sich ganz. Ich habe mich vor ihm furchtbar erschrocken.

Onkel Geza kümmerte sich herzlich wenig um ihn. Nur eben so viel, dass ein Arzt kam, der meinem Vater Digitalis [Anm.: Fingerhut, eine Pflanze, die häufig zur Behandlung von Herzproblemen eingesetzt wurde] verabreichte. Diese Tage waren für mich sehr unangenehm. Mit Onkel Geza habe ich viel über daheim gesprochen. Bei diesen Gesprächen rühmte er sich, was er alles hatte und wir dagegen nichts. Diese Herabwürdigung schmerzte mich sehr. Aber was sollte ich schon machen?

Die Befreiung

5:54

Am 2. Mai verbreiteten sich die Nachrichten, dass die Amerikaner nur 10–20 km von uns entfernt sind. Wir wussten, dass diese Zeit für uns die kritischste war. Entweder werden wir abgeschlachtet oder befreit.

Es begann so, dass wir in der Früh gewaltiges Motoren­geräusch wahrnahmen. Wir liefen vor die Baracken und sahen über uns vier mächtige, mit amerikanischen Hoheitszeichen versehene Flugzeuge. Plötzlich warfen sie 5–6 Fallschirme herab. Diese schwangen schön in der Luft, bevor sie ganz in der Nähe des Lagers zu Boden fielen. Was dann mit uns geschah, das weiß ich nicht mehr. Anschlie­ßend hörten wir den ganzen Tag in unserer Nähe das Artilleriefeuer. Die „Eingeweihten“ und die „Gutunterrich­teten“ wussten natürlich über alles Bescheid. Am Ende kam auch die amtliche Nachricht. Wir in den Baracken glühten vor Fieber. Jeder war mit anderen Gedanken beschäftigt:
Kommen wir jetzt nach Hause? Werden wir wirklich befreit usw. usw.? Kein Ende des Herumratens … Schließlich hat ein Arzt bekannt gegeben, dass der SS-Hauptmann, unser Lagerführer, unter der Bedingung sein Lager den Amerikanern übergibt, wenn sie ihn persönlich retten. Gegen 3 Uhr nachmittags ging er mit dem jüdischen Lagerleiter Dr. Weimann auf der Landstraße den Amerikanern entgegen. Zur gleichen Zeit wurden am Eingang des Lagers sowie an den Dächern der Baracken weiße Fahnen gehisst.

Das, was die Juden erhofften und worauf sie warteten, traf ein. Es erfolgte die Befreiung. Ein kleiner Jeep rasselte in das Lager. Vorne saß ein amerikanischer Offizier, hinter ihm auch Amerikaner. Am Auto war ein Maschinengewehr montiert. Die Soldaten wurden von uns Juden überall abgeküsst. Wir haben in unserer Freude geschrien: „Es leben die Amerikaner!“ Nachher verschwand das Auto wieder und wir Juden blieben ohne Aufsicht im Lager zurück. Einige nahmen die Gewehre der Deutschen an sich und liefen durch das Lager. Die anderen brachen aber das Verpflegungslager auf.

Da nahm auch ich das Kochgeschirr von Onkel Geza und ging um etwas Erreichbares. Aber in der Nähe war nichts mehr da. Ich sah, dass plötzlich alles in eine Richtung läuft. Ich schloss mich ebenfalls an und stellte fest, dass das Lager gesprengt wurde. Vor dem Verpflegungslager waren viele angesammelt und fingen jeden ab, der bereits mit Proviant herauskam. Diesen wurde alles abgenommen. Bei dieser Menge wäre ich nie zu etwas Essbarem gekommen. Als ich dann endlich etwas in das Kochgeschirr bekam, wurde ich ebenfalls von der Meute erfasst. Mir wurde auch alles weggenommen. Während der Drängerei verlor ich öfter meine Schuhe und kam des Öfteren ganz unten am Boden zu liegen. Als ich mich endlich befreien konnte, lief ich auch in das Verpflegungslager. Es war stockfinster. Ich hörte fluchende Männer, die aufeinanderstießen und nach Verpflegung suchten. In einem Zimmer fand ich endlich Brot und Margarine. Ich steckte zwei Brote in meine Hose und ging hinaus. Ich wurde abermals von der Meute erfasst. Sie zerrissen meine Hose und nahmen mir meine Beute ab. Ich versuchte es ein paarmal, aber ich brachte aus dem Lager nichts heraus. Als ich das letzte Mal im Verpflegungslager war, setzte ich mich hin und aß ein ganzes Brot mit Margarine. Das konnte mir keiner mehr wegnehmen. Ich war furchtbar angegessen. Mir tat es nur leid, dass ich so ungeschickt und unfähig war, ein Brot aus dem Lager herauszubringen. Als ich aus dem Lager herauskam, fand ich eine Futterrübe und begnügte mich damit.

Mein Vater wusste nicht, wo ich war, aber Onkel Geza ahnte, wo ich steckte. Ich war der Überzeugung, dass sie sich schon längst zur Ruhe begeben haben, dass sie längst schlafen – aber ich hatte mich geirrt. Die Kerze brannte noch und sie unterhielten sich. Als ich ihnen mein Abenteuer erzählte, lachten sie mich aus. Wir unterhielten uns noch bis Mitternacht. Mit Onkel Geza haben viele gesprochen, besonders diejenigen, die ihn sehr liebten.

Onkel Geza hat beschlossen, dass er am nächsten Tag mit seinem Freund Kallos nach Hause gehen wird. Als mein Vater den Einwand machte, dass so etwas mit den anderen auch besprochen werden müsse, hat dies Onkel Geza verboten. Die beiden verabschiedeten sich am folgenden Tag von uns und verließen das Lager.

An diesem Tag leerte sich das Lager bis zur Hälfte. Wir blieben bis zu Mittag liegen und zogen uns dann an. Etwas später trafen amerikanische Lkw mit Verpflegung ein. Aus großen Kartons verteilten sie Fleischkonserven. Mein Vater stellte sich bei der Verteilung nicht an, weil er bereits krank war. Ich besorgte drei Dosen. Der Vater erhielt auch zwei. Zwei Dosen verspeisten wir gleich. Davon bekamen wir die Scheißerei.

Die Deutschen mussten die Baracken reinigen, die Leichen wurden entfernt. Das ganze Lager wurde sauber gemacht. Die Amerikaner brachten auch viele Medikamente mit. Die Kranken wurden von den Ärzten untersucht. Spitalsbe­dürftige wurden in Krankenhäusern untergebracht. Mein Vater wurde ebenfalls in ein Spital eingewiesen. Mich wollten sie nicht in ein Krankenhaus einweisen, aber da der Vater schon vorgemerkt war, wurde ich auch vorgemerkt. Am gleichen Tag konnten sie uns nicht mehr abtranspor­tieren, sondern erst am nächsten Tag. Bevor wir wegfuhren, bekamen wir ein Frühstück mit Milchkaffee und Milchreis. Zum Mittag Erbsenpüree mit Faschiertem, abends Käsekonserven.

Vorher [Anm.: vermutlich vor dem Mittagessen] blieb der Sanitätswagen vor unserer Baracke stehen, wir stiegen ein. Wir wurden in das Krankenhaus gebracht.

Tage nach der Befreiung

5:20

Gemütlich nahmen wir Platz im Auto. Wir machten eine Fleischkonserve auf und verspeisten diese. Zuerst kamen wir nach Wels und nachher brachten sie uns nach Linz. In den Krankenhäusern war nirgends Platz. Zum Schluss hielten wir beim Hermann-Göring-Lazarett. Nach kurzer Wartezeit trugen sie uns auf eine Wiese. Dort zogen wir uns ganz aus und legten unsere Habseligkeiten auf einen Haufen. Dann wurden wir mit einer ölartigen Flüssigkeit eingeschmiert. Wir erhielten saubere Spitalskleidung und wurden in eine schöne, leere Krankenhausbaracke gewiesen. Es waren Stockbetten mit guter Federung und Matratzen vorhanden. Gemütlich platzierten wir uns nebeneinander.

Anfangs wurden wir von Italienern betreut. Zu dieser Zeit stand es mit meiner Gesundheit nicht am besten. Ich hatte 40 Grad Fieber. Solange mein Vater gehen konnte, betreute er mich. Dann kam ich in das Lazarett, wo ich richtig behandelt wurde. Als ich dann fieberfrei und gesund zurückkam, war mein Vater schon sehr krank. Er konnte kaum mehr vom Bett aufstehen. Essen konnte er nur mehr sehr wenig, obwohl die Verpflegung sehr gut war: Milchreis, Kartoffelpüree – nichts mehr wollte mein Vater zu sich nehmen.

Vom amerikanischen Roten Kreuz erhielten wir Geschenkpakete mit folgendem Inhalt: Kondensmilch, Schokolade, Kakao, verschiedene Konserven und Zigaretten. So ein Paket wurde auf zwei Mann aufgeteilt, sodass ich mit meinem Vater auch ein ganzes Paket erhalten habe. Mein Vater aß nur mehr etwas Schokolade, nichts anderes. Die besten amerikanischen Zigaretten sagten ihm nicht zu, er rauchte nicht mehr. Ich tauschte die Zigaretten für Lebensmittel ein. Täglich verschlechterte sich der Zustand meines Vaters. Er konnte nicht mehr essen, nicht aufstehen, so geschwächt war schon sein Körper. Sein Herz ging nur mehr sehr schwach. Durch die ständige Nervenbelastung stand er immer am Rande eines Nervenzusammenbruches. Er wurde TBC-krank. Eine Woche vor seinem Tod konnte er nicht mehr sprechen und verlor sein Gehör. Mir war es furchtbar zumute. Eines Tages zum Mittagessen machte er mir grundlos ein Spektakel. Ohne etwas zu sich genommen zu haben, schrie er mich an: „Willst du mich umbringen, du Mörder!“ Obwohl ich nur das Beste für ihn wollte, stand ich ratlos und verlassen mit meinen 17 Lebensjahren mit einem todkranken Vater in der Fremde. Ich ging zu einem Arzt um Rat. „Leider, man kann nichts mehr machen“, sagte er. „Noch ein, zwei Tage und der Mann wird sterben.“ Die letzten zwei Tage verließ ich kaum mehr sein Bett. Umsonst bekam er Unmengen von Medikamenten und Injektionen, es half alles nichts. Täglich machte er schon ins Bett. Zum Schluss auch das nicht mehr, wahrscheinlich, weil er nichts mehr essen konnte. Am letzten Tag war er schon ein Scheintoter. Nur das Herz schlug noch ganz schwach, alles andere war schon tot. Sein Gesicht verdeckte ich mit einer Decke, damit ihn die Fliegen nicht störten und auch deshalb, weil ich sein Gesicht nicht mehr sehen konnte. Total verändert, abgemagert – wo war der ehemalige starke, schöne Vater? Er lag schon als Skelett da, obwohl er noch atmete. Zwei, drei Tage vor seinem Tod sagte er zu mir, wenn es mir möglich ist, soll ich nach Hause gehen. Es ist möglich, dass er schon ahnte, wie es um ihn stand, weil er von daheim nichts mehr erwähnte.

Am 7. Juni 1945, Donnerstag nachmittags um ca. 4 Uhr, hat er kaum mehr geatmet. Der Arzt kam mit den Schwestern. Ich stand unmittelbar bei seinem Bett. Der Arzt fühlte seinen Puls. Es konnte 5 Uhr gewesen sein, als der Arzt sagte: „Gestorben.“ Unter die Nase meines Vaters hielt der Arzt einen Spiegel, der aber keine Atmung mehr anzeigte. Er wurde an die Tragbahre gebunden, damit er nicht herunterfiel. Irgendein Schmunzeln stand in seinem Gesicht. Er wurde auf der Tragbahre zugedeckt und in die Leichenhalle getragen. Ich wurde fast ohnmächtig vor Schmerz und Weinen. Ich bekam so einen Herzstich, dass sie mich an die frische Luft brachten und mir herzstärkende Mittel gaben. Aber trotzdem ging ich hinter der Tragbahre. Ich allein begleitete meinen armen Vater auf seinem letzten Weg.

Lieber Vater! Wenn ich Dich mit irgendetwas gekränkt habe, dann verzeihe jetzt, nachdem Du Dich vom Leben gekehrt hast. Dein Leib ruht in der Fremde, aber Deine Seele ist immer zu Hause – immer nur dort, wo Deine übrig gebliebene Familie eine kleine Bleibe hat. Du wirst über das Leben Deiner Ehefrau und Deinem einzigen Kind wachen und uns beide ewig behüten. Ruhe in Frieden.

Pal Bacs: Teilabschrift des Tagebuchs von Pal Bacs. Mauthausen Memorial Archiv, MM_B_11_14.